Daniel hatte innerhalb weniger Stunden nach dem ersten Hören des Namens eine vollständige Hintergrundüberprüfung durchgeführt. Tracys Antwort war geübt glatt, die Worte wirkten einstudiert, als hätte sie sie schon hundertmal gesagt, ohne jemals wirklich dahinterzustehen. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken, und Daniels Miene verhärtete sich sofort, als die täuschende Fassade des Abends mit ihr zerfiel. Aber Daniel Bradley vergaß niemals einen Verrat.

Und er vergab niemals einen. Sein Kontaktmann ging beim ersten Klingeln ran. Was brauchst du, erklang die Stimme am anderen Ende der Leitung. Privat oder beruflich, fragte Daniel zurück.
Sein Gegenüber zögerte kurz, dann kam die Antwort. Beruflich. Was ist los? Daniel ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn diese Frage innerlich aufwühlte.
Wenn es beruflich wäre, hätte er nicht angerufen, dachte er, aber das behielt er für sich. Er erklärte die Situation mit wenigen, knappen Sätzen. Der Sheriff von dieser Kleinstadt, Warren, der ist in die Ermittlungen zum Tod von Senator Chen verwickelt. Und jetzt stellt sich heraus, dass er eine Affäre mit meiner Frau hatte.
Aber das ist nicht der eigentliche Punkt, sagte Daniel. Ich glaube, da ist noch viel mehr dahinter. Der Sheriff war seit 47 Minuten in Zimmer 237 gewesen. Die Hintergrundüberprüfung über Warren hatte interessante Details ans Licht gebracht, die weit über eine einfache Affäre hinausgingen.
Drei frühere Verdächtige in Fällen, die Warren bearbeitet hatte, waren unter mysteriösen Umständen gestorben. Alle wurden als Unfälle oder Suizide eingestuft. Alle hatten etwas gemeinsam. Keine Drogengeschichte, aber eine Überdosis nachweisbar im System.
Die Ermittlungsakten waren auffällig sauber, zu sauber für ein kleinstädtisches Büro. Und die Spuren, die sie hinterlassen hatten, zeigten ein Muster von Vertuschung, das bis in die höchsten Ebenen der Staatsverwaltung reichte. Daniel verstand langsam. Warren war nicht nur irgendein korrupter Beamter.
Er war ein Werkzeug, ein Zahnrad in einer viel größeren Maschine. Und wenn Warren die Fäden in der Hand hielt, dann war die Frage, wer wirklich die Marionetten bewegte. Wir haben einen falschen Pfad verfolgt, flüsterte Daniel in den Hörer. Es geht nicht um ein Verbrechen aus Leidenschaft, es geht um viel mehr.
Diese Leute, die gestorben sind, sie waren alle Zeugen in Fällen, die mit der Organisation zu tun hatten, die ich vor Jahren zerschlagen habe. Und jetzt, wo Warren sich als Teil davon entpuppt, frage ich mich, ob meine Frau, ob Tracy, jemals wirklich die Person war, die ich kannte. Er hielt inne. Ich brauche dich, um tiefer zu graben.
Ich brauche alles über Warren und seine Verbindungen, über seine Vergangenheit, seine Kontakte, seine Schulden, seine Geheimnisse. Und ich brauche es bevor die Polizei diesen Raum betritt. Die Überprüfung hatte auch ein Dokument offenbart, das Daniels Blut in seinen Adern gefrieren ließ. Eine Geburtsurkunde eines Mannes namens Warren, ausgestellt in einem Krankenhaus, das es laut Aufzeichnungen nie gegeben hatte.
Ein gefälschter Lebenslauf, konstruiert aus einer Mischung aus gestohlenen Identitäten und geschickt eingewobenen Lügen. Und in der Fußnote, fast unsichtbar, ein Name. Victor Petrov. Der Name war Daniel nicht unbekannt.
Petrov war ein Geist, ein Waffenhändler, der angeblich vor Jahren gestorben war und doch in den Schatten der Unterwelt weiterlebte, ein Netzwerk aus Korruption und Gewalt. Und wenn diese Verbindung stimmte, dann war Warren mehr als nur ein abtrünniger Sheriff. Er war der Schlüssel zu einer Verschwörung, die bis in die höchsten Ebenen der Macht reichte. Plötzlich klingelte Daniels Telefon.
Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Auf halbem Wege zum Hotelzimmer, las er. Ein Treffen. Du weißt, wo.
Keine Verstärkung, keine Waffen. Komm allein und du bekommst die Wahrheit. Daniel zögerte keine Sekunde. Er wusste, worauf er sich einließ.
Die Falle war meisterhaft gelegt. Das halb verfallene Lagerhaus am Stadtrand, der einzige Ort, der in der Nachricht Sinn ergab. Daniel trat ein und fand eine Umgebung vor, die aussah wie ein Schauplatz für eine Inszenierung. Kerzen warfen flackernde Schatten an die Wände, und in der Mitte des Raumes, geblendet und gefesselt, saß ein Mann mit einem Gesicht, das Daniel nur aus Fahndungsfotos kannte.
Der Mann war bemerkenswert ruhig angesichts seiner Lage. Bradley, oder sollte ich sagen, wer auch immer du wirklich bist, begann er mit einer überraschend ruhigen Stimme. Ich schätze, du hast mich gefunden. Daniel blieb stehen, die Hände locker an den Seiten, aber bereit, sich zu bewegen.
Ich dachte, du wärst mir ein Stück voraus, sagte er. Ich war es nicht, lächelte der Mann. Unsere gemeinsamen Freunde haben mir gesagt, dass sie mich als Köder benutzen würden, um dich hierher zu locken. Sie haben mir gesagt, ich solle auf dich warten, aber ich wusste nicht, dass du so lange unterwegs sein würden.
Er deutete mit dem Kopf auf einen Umschlag, der auf einem Tischchen lag. Die haben das dagelassen. Für dich. Daniel griff vorsichtig nach dem Umschlag und öffnete ihn.
Darin befanden sich ein Foto von Tracy, wie sie ein Dokument mit einem Stempel des Geheimdienstes überreichte, und ein Notizzettel mit einer Handynummer. Die Fotomontage war deutlich zu erkennen, aber die Intention dahinter war eindeutig. Sie will mich reinlegen, dachte Daniel, aber das konnte er noch nicht beweisen. Er steckte sich die Sachen ein.
Wo ist sie, fragte er mit eisiger Stimme. Wer, sie, fragte der Mann, aber Daniel ließ den Blick nicht los. Er wusste, worauf ihr Spiel hinauslief, er wusste es genau. Er schüttelte den Kopf.
Sie sagen, sie wäre Victor. Das ist alles, was ich weiß. Victor? Victor Petrov?
Aber der ist tot, widersprach Daniels Verstand. Der Mann zuckte nur die Achseln. Sie haben dir also nicht erzählt, dass derjenige, der dich zu dem gemacht hat, immer noch irgendwo da draußen ist. Aber egal, ich bin nur ein Bote, kein Experte.
Die Tür flog auf, und ein Stromschlag aus grellem Licht erfüllte den Raum. Sheriffs erstarrte im Türrahmen, ein Lächeln auf dem Gesicht, das wie eine Maske wirkte. Bradley, wie schön, dich zu sehen. Er trat näher, begleitet von zwei schwer bewaffneten Beamten.
Ich hoffe, unser Freund hat dich nicht gelangweilt. Daniel blieb ruhig, obwohl sich seine Gedanken überschlugen. Ich habe gehört, du suchst ein paar alte Freunde von mir. Er kannte den Mann, der das Chaos anrichtete, er wusste es nur noch nicht.
Auf einen Befehl von Warren durchsuchten zwei Beamte den geblendeten Mann und rissen ihm das Klebeband vom Mund. Er ist sauber, Chef. Kein Waffenversteck, keine Wanzen. Warren murmelte etwas Zustimmendes, aber seine Augen ruhten schwer auf Daniel.
Du bist also derjenige, der Frances so aufgebracht hat? Er ist nicht aufgebracht, sagte Daniel ruhig. Er ist nur überrascht, dass du immer noch hier bist. Warren ignorierte die Spitze gekonnt und wandte sich stattdessen dem gefesselten Mann zu.
Du schuldest mir eine Erklärung, sagte er drohend. Du solltest sie für tot halten, aber hier bist du, in meiner Stadt, mit Lügen, die ich nicht glauben kann. Ich schwöre bei Gott, Warren, ich wusste nicht, dass die Fotos gefälscht sind, bis es zu spät war, beteuerte der Mann. Die Informationen über den Waffendeal waren echt, ich hab sie gefunden, so wie es die Quelle, äh, die was auch immer, ich meine, sie schickte mir die Unterlagen.
Also, was ist jetzt, wirst du mich gehen lassen? Warren lachte kurz auf. Gehen lassen? Du solltest dir lieber Gedanken machen, ob du jemals wieder gehen wirst.
Bevor der Mann antworten konnte, ertönte ein leises Zischen, und eine feine Wolke aus gasförmigem Nebel stieg von der Decke auf. Dich! schrie Warren, riss seine Waffe hoch, aber es war bereits zu spät. Ein blendender Blitz zerriss die Szenerie, und als Daniel die Augen wieder öffnete, war der geblendete Mann verschwunden.
Ein gezielter Schuss aus einem Scharfschützengewehr, dann Chaos, dann Stille. Die Kugel hatte Warrens Stellvertreter mitten auf der Stirn getroffen und ihn rückwärts gegen eine Wand geschleudert, bevor er leblos zusammenbrach. Der Sheriff erstarrte, seine Männer zogen ihre Waffen, aber sie richteten sie auf keinen festen Punkt. Ein Tumult der Bewegung vor ihren Augen.
Alles, was sie sehen konnten, war der Rumpf des toten Mannes, der auf dem Boden aufschlug, und dann war es still. Plötzlich wurde es kalt, und das Licht flackerte. Daniel stand auf, verstaute seine Waffe wieder und trat an die Stelle, an der der Mann gesessen hatte. Er hob eine kleine Metallplatte auf – ein Speichermedium, das der Gefesselte fallen gelassen hatte und das in einem Riss im Holzboden gelandet war.
Betäubungsgas? Umwickelte er das Ding lose mit einem Stofffetzen und steckte es ein, bevor er aufstand und Warren ansah. Das war nicht ich, sagte er ruhig. Warren wirkte blass, seine Hand zitterte leicht um seine Waffe.
Erich hat das verteilt. Sie haben dich reingelegt, Bradley. Das wollte ich ihm sagen, aber er war schon weg. Daniel kniff die Augen zusammen.
Ich sah ihn den Riegel fallen lassen, bevor er ging. In der angespannten Stille hörte man nur das ferne Heulen eines Krankenwagens, der langsam näher kam. Der Ort wimmelte gleich von Beamten. Die Aussage von Warren war präzise, fast zu glatt.
Er behauptete, er sei einem anonymen Tipp gefolgt und habe einen möglichen Waffenlieferanten gefunden, aber als er eintraf, war der Ort leer gewesen. Er erwähnte kein einziges Mal den Mann oder den Inhalt der Unterhaltung. Daniel wurde als Zeuge befragt und anschließend freigelassen, aber er wusste es besser. Warren wusste mehr, als er zugab, und er hatte nicht vor, diese Informationen zu teilen.
Als er den Tatort verließ, klingelte sein Telefon. Eine Nachricht, von einer unbekannten Nummer, aber mit einem einzigen Foto. Ein Bild von Tracy, wie sie sich lächelnd in eine Kamera lehnte, mit einer Bildunterschrift: Wir haben uns noch nicht einmal vorgestellt. Kein Absender, keine weitere Nachricht, aber die Botschaft war klar.
Irgendjemand wollte, dass er wusste, dass seine Frau in diesem tödlichen Spiel nicht nur eine Bauernfigur war. Daniel verbrachte die nächsten Tage in einem Zustand angespannter Wachsamkeit. Er mied das vertraute Zuhause, schlief in abgelegenen Motels und wechselte die Routen, um möglichen Beschattungen zu entgehen. Er vertraute niemandem, nicht einmal seinen engsten Verbindungen beim Geheimdienst, aus Angst, sie könnten kompromittiert worden sein.
Die Informationen auf der Speicherkarte waren eine Offenbarung. Ein Netzwerk aus assoziierten Waffengeschäften, eine Liste von Namen, die bis in die höchsten Ebenen der Regierung und des Militärs reichten, und eine geheime Vereinbarung, die Victor Petrov mit einem hohen Regierungsbeamten über den Schutz von Militäroffizieren in Übersee geschlossen hatte. Peinliche Details, die viele zu Fall bringen würden, wenn sie an die Öffentlichkeit gelangten. Er traf sich mit seiner vertrauenswürdigsten Quelle in einer schwach beleuchteten Bar am Rande der Stadt, einem ehemaligen Geheimdienstanalysten, der ihm schon oft den Rücken freigehalten hatte.
Ich habe mir die Akte angesehen, die du mir geschickt hast. Sie haben recht, sie ist sauber. Zu sauber. Sie ist wie ein Haus, das mit Absicht so gebaut wurde, dass es einstürzt, sobald man eine Wand verschiebt.
Die operative Tarnung ist zu perfekt, die digitale Fußabdruck ist zu sauber, die Überwachungsaufnahmen, die ihre Bewegungen in der gesamten Stadt belegen, ergeben zu viel Sinn. Das ist alles künstlich. Jemand will, dass du denkst, sie ist eine heiße Eskorte, die du landen kannst. Jemand will, dass du selbst im Dunkeln tappst.
Sie wollen, dass du denkst, die Spur führt zu dir. Und das ist genau der Grund, warum du nicht hier sein solltest. Du hättest die Nacht, in der du den Fremden getroffen hast, niemals überleben dürfen. Die sich sehen lassen können, schickten ihn.
Sie wollen, dass du glaubst, du seist auf der Flucht. Aber ich bin es nicht, unterbrach Daniel ihn. Ich bin auf der Jagd. Er stand auf, warf ein paar Geldscheine auf den Tisch.
Danke für alles. Sei vorsichtig, Daniel. Du spielst mit sehr hohem Einsatz, sagte die Quelle leise. Daniel lächelte dünn.
Ich weiß, aber ich habe noch nie aufgeben. Dann verließ er die Bar und verschwand in der Nacht, bereit für die Wahrheit, die ihm bevorstand, wohin auch immer sie führen mochte. Nachdem er die Bar verlassen hatte, fühlte Daniel sich von der Dunkelheit eingehüllt, als ob sie ihm half, seine Gedanken zu ordnen. Die Wahrheit, die sie zu verbergen suchten, hing in der Luft wie ein drohendes Unwetter.
Er holte sein Handy heraus, um die Kontakte von Tracy durchzusehen, als er ein Signal auf dem Display bemerkte. Kein Anruf, keine Nachricht, aber ein starkes, ungewöhnliches Rauschen im Hintergrund. Er kannte dieses Geräusch nur zu gut, es war der Klang eines Satellitentelefons, das fernab der Zivilisation kaum auffindbar war. Der Anruf, den er gerade verpasst hatte, stammte von einer Nummer, die er nicht kannte, aber die Vorwahl zeigte auf eine Region in Südostasien.
Sie führt mich in die Falle, dachte er, aber gleichzeitig wusste er, dass dies seine einzige Möglichkeit war, die Wahrheit herauszufinden. Er überlegte, die Nummer sofort zurückzurufen, entschied sich aber dagegen. Stattdessen schickte er eine Nachricht an einen seiner alten Kontakte, eine verschlüsselte Anfrage nach Standortdaten. Die Antwort kam schnell und brachte die Bestätigung.
Die Nummer war einem Begräbnisinstitut in der Nähe von Phnom Penh zugeordnet, das längst geschlossen sein sollte. Da ist sie. Er wusste, es war ein weiterer Hinweis, aber er hatte keine Wahl mehr. Er musste sich dem stellen, was ihn dort erwartete.
Ein paar Tage später stand Daniel am Ufer eines blutroten Sonnenuntergangs und blickte auf das kambodschanische Dschungelgebiet, während er ein Boot anlegte, das für Touristen bestimmt war. Er trug eine Taucherbrille, um sich zu tarnen, und seine gesamte Ausrüstung bestand aus einem Gürtel mit Spezialwerkzeug. Er folgte einem ausgetrockneten Flussbett, das als Wegweiser für den nanosatellitischen Peilsender seiner Quelle diente. Je tiefer er in den Dschungel vordrang, desto deutlicher wurde ihm, dass dieses Land nicht vergessen, sondern bewusst vorbereitet worden war.
Nach einer Stunde erreichte er eine Lichtung mit einer verrosteten Wellblechhütte, die von außen wie ein verlassenes Bauernhaus wirkte. Aber die versteckte Antenne auf dem Dach und der helle Schein zusätzlicher Sicherheitsscheinwerfer im Inneren verrieten, dass dies nicht das Zuhause eines Bauern war. Als er das Tor erreichte, ging es schnell und ohne Vorwarnung los. Tür auf, und Daniel stand seinem Widersacher gegenüber.
Nun, sieh an, sagte die Frau, die er als Katarina kannte. Du hast es also endlich geschafft. Aber es ist zu spät, Bradley. Dieses Spiel ist längst vorbei.
In ihren Händen hielt er eine Fernbedienung, die die gesamte Umgebung in einem Netz aus blauen, entladenen Blitzen versenkte, als sie den Knopf drückte. Daniel reagierte, indem er sich in einen Graben warf, als eine Welle aus Elektrizität über seinen Kopf hinwegfegte und einen nahe gelegenen Baum in Flammen aufgehen ließ. Er stand auf, zog sich in den dichten Wald zurück und hetzte zwischen den Bäumen hindurch, wobei Explosionen hinter ihm aufschlugen. Die meiste Zeit hörte er die Stimme aus dem Nichts über Lautsprecher, schneidend und mit einem triumphierenden Unterton: Du hättest nicht herkommen sollen, meine Liebe.
Wir sprechen uns bald. In einem Camp, das aus einem getarnten Bunker in der Nähe eines Wasserfalls bestand, versteckte er sich, keuchte und lauschte auf die Schritte, die ihm folgen könnten. Sie waren leise, aber vorhanden. Er hatte die Falle erwartet, aber jetzt, da er hier war, kam es ihm zu einfach vor.
Oder vielleicht hatte er das Geheimste übersehen. Er begann, systematisch die Umgebung zu überprüfen, und stieß auf eine kleine Metallkiste, die unter einem Baumstamm vergraben war. Darin fanden sich ein Satellitentelefon inklusive Ladegerät, ein gefälschter Reisepass im Namen von Marcus Kane, ein Bündel Bargeld und ein handgeschriebener Zettel. Das Fluchttor ist offen, lautete die Botschaft.
Die Drohne folgt dem Fluss und trifft sich an der Anlegestelle. Komm allein und tu so, als hätte ich dich glauben lassen, du hättest die Falle entschärft. Das Lächeln auf Daniels Lippen war dünn, während er den Zettel nahm und ihn zerknüllte. Also hat sie genau damit gerechnet, dass ich diese Informationen finde?
Dass ich denke, ich hätte ihre Seite längst durchschaut. Sie gibt mir die Fluchtmöglichkeit, die sie mir verwehren möchte, damit ich zu ihr komme. Also, was liegt an, wenn ich umkehre, fragte er sich laut, während er das Boot auf der anderen Seite des Flusses besteig und den Motor anließ. Je weiter er sich von der Anlegestelle entfernte, desto klarer wurde ihm, dass er die einzige Chance auf eine gemeinsame Zukunft nicht verpassen durfte.
Er wählte eine Nachricht auf seinem Satellitentelefon, eine verschlüsselte Nachricht mit dem Codewort, das er mit seinem ehemaligen Kontakt beim Militärgeheimdienst vereinbart hatte. Er hoffte, dass diese Nachricht ihn erreichen würde, bevor seine Verfolger es taten. Die Antwort kam nach langen, qualvollen Minuten, und die Meldung enthielt eine Koordinate. Ein einsames Dock im Norden, jenseits der Grenze.
Kein Datum, keine Unterschrift, nur der Hinweis, dass seine einzige Chance, den bevorstehenden Hinterhalt zu überleben, darin bestehe, schon da zu sein, wenn das Treffen beginnt. Daniel las die Nachricht, dann den Zettel noch einmal. Die Falle war offensichtlich, aber er wusste nicht, ob sie ihm galt oder ob sie ihm gegen seine Feinde begünstigen sollte. Er konnte nur seine Chancen berechnen, während das Ufer näher rückte.
Das Dock war genauso verlassen und heruntergekommen wie die Koordinate es vermuten ließ. In der Abenddämmerung sah Daniel eine einzelne Gestalt, die am Ende des Stegs wartete, mit dem Rücken zum Wasser und dem Gesicht teilweise von einer Kapuze verdeckt. Er blieb im Schatten der Bäume, die Hand an der Waffe, und rief ihr mit fester Stimme zu: Ich bin hier, wo du mich haben willst. Also zeig dein Gesicht.
Die Gestalt drehte sich langsam um, und als die Kapuze zurückfiel, wurde eine Frau sichtbar, die er kaum wiedererkannte. Die Verletzungen auf ihrer Wange waren verheilt, aber die Angst in ihren Augen war so real wie eh und je. Ich wusste, dass du kommen würdest, sagte sie leise. Ich wusste, dass du mich finden würdest, wenn ich nur genug Spuren hinterlasse.
Daniels Blick wurde hart. Du hast mich reingelegt, oder? Dieses ganze Treffen, die Hinweise, die Fotos, alles davon war deine Inszenierung, nur um mich hierher zu locken. Sie schüttelte heftig den Kopf.
Nein, du hast alles falsch verstanden. Ich bin diejenige, die dich vor ihnen schützen will. Sie trat einen Schritt näher, und ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern. Sie haben mich benutzt, um an dich heranzukommen und Victor Petrov zu erreichen.
Sie haben mir gedroht, meinen Bruder zu töten, wenn ich nicht mitspiele. Aber ich konnte sie nicht länger durchhalten. Nicht, wenn sie dich in diese Falle locken wollen. Daniels Verstand raste.
Sie spielte auf einen Bruder an, von dem er nie gewusst hatte, und ihre Worte erklangen wahr, aber er konnte es nicht riskieren, ihr zu vertrauen. Wenn das eine Falle ist, dann hast du sie sicher schon ausgelöst. Was hindert mich daran, dich jetzt zu erschießen? Sie hielt seinem Blick stand.
Weil ich es nicht getan habe. Sie zitterte, und ihre Hände umklammerten den Saum ihres Hemdes. Sie wollen, dass wir uns gegenseitig töten, um das zu vertuschen, was in jener Nacht wirklich passiert ist. Du musst mir glauben, Daniel, ich liebe dich immer noch.
Ich habe dich nie wirklich verraten. Diese Worte trafen ihn wie ein Schlag in die Magengrube, aber er erlaubte sich nicht, der Wärme nachzugeben, die sich in seiner Brust ausbreitete. Wo ist die Akte, bei der es wirklich um deinen Bruder geht, fragte er stattdessen scharf. Sie schüttelte langsam den Kopf.
Nicht hier. Wir müssen uns in Bewegung setzen, bevor sie merken, dass wir uns längere Zeit nicht gesehen haben. Sie deutete auf einen kleinen, unscheinbaren Lastkahn, der in der Dunkelheit weiter hinten vor Anker lag. Ich habe ein Boot organisiert, das uns über die Grenze nach Thailand bringt.
Sie hat Kontakte, die uns helfen können, unterzutauchen. Wir können das klären, wenn wir in Sicherheit sind. Ich verspreche es dir, Daniel. Sie ging auf den Lastkahn zu und blieb dann stehen, um sich zu ihm umzudrehen.
Ich weiß, dass du mir nicht vertraust, aber ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass ich die ganze Zeit versucht habe, einen Weg zu finden, uns beiden das zu ersparen. Daniel sah in ihre Augen, auf der Suche nach einem Zeichen von Täuschung. Doch dann erinnerte er sich an die Fotos, an die geheimen Treffen, an alles, was er über das Ausmaß ihrer Verbindung zu Petrov herausgefunden hatte. Vielleicht war dies ein weiteres Spiel.
Oder vielleicht, nur vielleicht, war dies die einzige Chance, die sie beide noch hatten. Er nahm seine Hand von der Waffe und folgte ihr schweigend auf den Lastkahn, das Dröhnen des Motors das einzige Geräusch, während sie in die Nacht hineinfuhren. Sie fuhren den ganzen Weg bis zur Küste in angespanntem Schweigen, die einzige Geräuschquelle das gleichmäßige Summen des Dieselmotors und das gelegentliche Knirschen von Kies unter dem Rumpf. Daniel hielt sich im vorderen Teil des Kahns, die Augen auf ihre Silhouette gerichtet, die am Steuer stand und deren Blick auf das dunkle Wasser dahinter gerichtet war.
Er verfolgte jeden ihrer Schritte, jede Bewegung ihres Körpers, wusste aber, dass er ihr nicht über den Weg trauen konnte. Schließlich, als die Sonne aufging und die Küste in ein goldenes Licht tauchte, brach sie das Schweigen. Da vorne ist unsere Anlegestelle. Wir sollten uns bereit machen.
Sie deutete auf eine kleine Bucht, versteckt zwischen felsigen Klippen, wo ein einzelner Steg ins Meer ragte. Sie legten an, und Daniel stieg vorsichtig von Bord, seine Hand bewegte sich instinktiv zu seiner Waffe, als er die leere, sandige Bucht überblickte. Hier ist niemand, sagte er. Sie nickte.
Sie treffen sich, sobald es dunkel ist. Wir haben ein paar Stunden Zeit. Ihre Stimme klang müde, beinahe besiegt. Sie setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und stützte den Kopf in die Hände.
Ich habe gesehen, was sie mit Menschen machen, die versagen, sagte sie leise. Ich will nicht, dass es dir genauso geht. Er blieb stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. Du hättest mich einfach nicht anrufen sollen, wenn du mir helfen wolltest, das zu vermeiden.
Sie sah auf, und ihre Augen waren rot gerändert. Das habe ich versucht. Ich habe versucht, dich in der Nacht zu warnen, als sie dich geschnappt haben. Du warst es nicht, die den Anruf getätigt hat, das war ich.
Aber ich hätte nicht weitermachen sollen, bevor sie mich erwischt haben. Er schwieg einen Moment, holte dann tief Luft. Wem gehörst du jetzt wirklich? Er erkundigte sich vorsichtig.
Sie stand auf und kam auf ihn zu, hob ihre Hand, als ob sie ihn berühren wollte, ließ sie dann aber wieder sinken. Ich gehöre mir selbst, so wie du es damals warst. Aber ich habe eine Schuld beglichen, und die muss ich zurückzahlen. Er sah sie an, und zum ersten Mal, seit sie sich trafen, glaubte er ihr.
Die Sonne stand tief, als endlich ein Motorengeräusch aufkam und ein Schlauchboot um die felsige Landzunge herumfuhr. Zwei Männer in Tarnkleidung sprangen an Land, ihre Waffen schussbereit, aber ihre Haltung entspannt, als sie die beiden erkannten. Sie sprachen in einer Mischung aus Englisch und einer anderen Sprache, die Daniel nicht verstand, und nickten in Richtung eines Hügels, auf dem sich eine verlassene Behausung befand. Sie wollen, dass wir auf sie warten, sagte Katarina, während sich ihre Stimme verhärtete.
Sie schickten uns nach, um dich zu holen. Sie haben gesagt, der Meister ist ungeduldig, nachdem du seinen Deal abgelehnt hast. Daniels Gedanken überschlugen sich. Er wusste, dass dieser Moment kommen würde, aber jetzt, da er hier war, wollte er nicht aufgeben.
Er sah Katarina an, die ihm einen kurzen, prüfenden Blick zuwarf, dann deutete sie auf ihre eigene Waffe. Wir machen es auf meine Art, flüsterte sie, kaum hörbar. Wenn ich dir ein Zeichen gebe, dann bewegst du dich auf die Bäume zu und gibst mir Deckung. Er gab keine Antwort, aber sie nahm seine Stille als Zustimmung.
Sie folgte den Männern den Hügel hinauf, hinein in die Holzhütte, die als Treffpunkt diente. Drinnen war es kühl und spärlich eingerichtet, mit einem einzelnen, rissigen Lederstuhl und einem Schreibtisch, auf dem eine Flasche Whiskey und ein Funkgerät standen. Sie waren kaum dreißig Sekunden im Raum, als sich die Tür hinter ihnen mit einem leisen Klicken schloss. Sie waren gefangen, und die Erkenntnis traf Daniel wie ein Faustschlag.
Du hast mich verraten, sagte er, die Stimme vor Wut belegt, aber Katarina gab keine Antwort. Sie stand nur da, den Blick auf die Tür gerichtet, als eine bekannte, verhasste Stimme aus dem Lautsprecher des Funkgeräts erklang. Sie haben mir keine Wahl gelassen, Daniel. Du hast die falschen Leute bedroht, und jetzt wirst du die Konsequenz tragen.
Fliehende Gäste gibt es nicht, oder wie man so schön sagt, wenn man das Meer überquert, stirbt der Fisch im Netz. Plötzlich zersplitterte die Fensterscheibe, ein dumpfer Schlag, und Daniel ließ sich in die Hocke fallen, als etwas an seinem Ohr vorbeifegte. Als er aufblickte, hielt Katarina eine kleine, grasende Waffe in der Hand, deren Lauf auf die Tür gerichtet war. Tut mir leid, mein Schatz, sagte sie und lächelte ein schiefes Lächeln, aber ich musste dich auf die Probe stellen.
Sie sind nie gekommen, um dich zu treffen. Überall um uns herum sind sie abgeschnitten. Der Meister ist auf dem Weg hierher. Er will dich persönlich sehen.
Er brauchte einen Moment, um zu verarbeiten, was sie gerade sagte, aber das Klicken von Sicherungen, die vor dem Haus gelöst wurden, riss ihn zurück in die Gegenwart. Das ist also der Plan, sagte er, während er seine eigene Waffe zog. Sie baten um Verstärkung, und als Handlanger sind wir nur der Köder, um sie anzulocken. Katarina schüttelte den Kopf.
Nein, wir sind diejenigen, die sicherstellen, dass er es rechtzeitig zu diesem Meeting schafft. Aber wenn du mich fragst, es ist mir egal, ob du am Ende derjenige bist, der gewinnt. Sie zwinkerte ihm zu, und in ihren Augen lag eine Aufrichtigkeit, die er nicht leugnen konnte. Ich habe es satt, von einem Mann beiseitegeschoben zu werden, der seine eigenen Verwandten verkauft.
Er sah sie an, dann warf er einen Blick auf die Tür. Also, was ist der Plan? Sie trat einen Schritt beiseite und gab den Blick auf eine Luke am Boden frei, die unter einem abgenutzten Teppich verborgen war. Sie haben seit Jahren unter uns gegraben, um einen Tunnel zu bauen.
Die Flucht aus der Hütte war chaotisch und geprägt von einer Mischung aus stillem Vorgehen und lautem Kugelhagel, der um ihre Köpfe pfiff. Sie bewegten sich schnell durch den Tunnel, Daniel führte, während Katarina die Nachhut übernahm und gelegentlich Schüsse abfeuerte. Sie kamen an einer Metallleiter ans Tageslicht und traten in ein dichtes Dickicht, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der der Meister seinen Hinterhalt geplant hatte. Daniels Blick richtete sich auf die überwucherte Lichtung, als er die drohende Gestalt erblickte, die auf einem umgestürzten Baumstamm saß, umgeben von ein paar schwer bewaffneten Wachen.
Er trug einen makellosen schwarzen Anzug und hatte ein Lächeln im Gesicht, das einem Raubtier gehörte. Daniel, mein Junge, du bist also aufgetaucht, um die Dinge zu klären. Er ließ seinen Blick langsam über Daniel schweifen, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Katarina. Ich wusste, dass du mich nicht enttäuschen würdest, Liebes.
Du hast sie also direkt hierher in meine Falle geführt. Katarina blieb stehen, ihre Hand in seiner steckte nicht, aber ihre Finger berührten die Waffe an ihrer Hüfte. Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass unsere Zusammenarbeit beendet ist, sagte sie mit fester Stimme. Unsere Zusammenarbeit?
Wiederholte der Mann amüsiert. Meine Liebe, du warst schon immer eine willige Teilnehmerin an diesem Spiel, aber ich würde an deiner Stelle noch einmal gründlich darüber nachdenken, wohin deine Loyalität wirklich gehört, wenn es darauf ankommt. Es ging nie um Loyalität. Es ging ums Erpressen.
Du hast mir etwas versprochen, und du hast dein Versprechen gebrochen. Ihre Hand ruhte auf dem Griff ihrer Waffe. Victor, ich bedaure, dass es so weit kommen musste, aber unsere Verbindung war von Anfang an eine Lüge. Der alte Mann seufzte und stand dann auf, während er in Richtung eines wartenden Geländewagens schlenderte.
Wie du willst, Katarina, wie du willst. Aber denk daran, was ich dir gesagt habe, als wir uns das erste Mal trafen. In diesem Geschäft wartet keiner auf einen Verräter. Mit diesen Worten stieg er in das Fahrzeug und verschwand in den Bäumen.
Als das Geräusch des Motors verklungen war, ließ Katarina ihre Schultern sacken, und der Anschein von Kontrolle, den sie so mühsam aufrechterhalten hatte, brach fast zusammen. Daniel beobachtete sie, sein Verstand raste und verarbeitete die Wendung der Ereignisse, die sich gerade abgespielt hatte. Er und Petrov, sie hatten sich also nicht zum ersten Mal getroffen, aber die Vergangenheit war verschwommen, in Geheimnisse gehüllt, die er immer noch nicht vollständig entwirren konnte. Das war keine zufällige Begegnung, sagte er schließlich.
Nein, das war sie nicht. Sie hatten von Anfang an vorgehabt, mich hierher zu locken, in der Hoffnung, dass ich dich rüberbringe. Sie ließ sich auf den Baumstamm sinken, ihr Gesicht war müde. Du bist vielleicht zufällig hierher geraten, aber ich bin hier, weil ich dich am Leben wissen wollte, Daniel.
Er trat näher und sah sie mit einem Ausdruck an, der zwischen Misstrauen und einer vorsichtigen Hoffnung schwankte. Und warum sollte ich dir das glauben? Sie sah auf, und in ihren Augen lag eine Verletzlichkeit, die er zuvor noch nicht gesehen hatte. Weil ich vor zehn Jahren die falsche Wahl getroffen habe.
Ich habe beschlossen, mein Land und meinen Eid zu verraten, um eine Prophezeiung zu erfüllen, die mir von einem Schamanen erzählt wurde. Es dauerte nicht lange, da war der Fluch stärker als ich und ich konnte niemandem mehr trauen. Aber als ich dich wiedersah, als ich sah, wie sehr sich die Dinge für dich geändert haben, wurde mir klar, dass ich nicht weitermachen wollte, ohne die Chance zu ergreifen, es wieder gutzumachen. Von weitem hörte man Motorengeräusche, die sich in der Abenddämmerung näherten.
Das ist die Kavallerie, sagte Katarina und stand auf. Jetzt machen wir Schluss damit, ein für alle Mal. Sie reichte ihm seine Waffe und trat in das hohe Gras, um die ankommenden Fahrzeuge zu empfangen, während Daniel langsam folgte und sich den Kragen richtete.