Der kalte Novemberregen prasselte gegen die Windschutzscheibe, als Svenja Bergmann im Stau auf der Berliner Stadtautobahn stand. Sie war auf dem Weg zum Flughafen, zwanzig Minuten Verspätung, als ihr Telefon vibrierte. Eine Nachricht von ihrer Schwester Annika: „Wir haben 15. 000 Euro angezahlt.

Wir müssen die Wohnung schnell verkaufen, sonst ist das Geld weg. “
Svenja kannte diesen Ton. Annika redete immer in „wir“, wenn sie Geld brauchte. Jochen, ihr Mann, hatte die Wohnung auf mindestens 800.
000 Euro geschätzt. Svenja, die als Gutachterin arbeitete, wusste es besser: „250. 000, maximal 300. 000.
“ Als sie es aussprach, wurde Annikas Gesicht lang. „Aber Jochen sagte 800. 000. “
Die Spannung war sofort da.
Svenja stand mit dem Rücken an den Ziegeln, zitterte nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Last, die gleich auf sie zukommen würde. Die Wohnung war der einzige Besitz der Familie, und sie musste verkauft werden, um die Anzahlung zu retten. Svenja hatte zwanzigtausend Euro gespart, mühsam über Jahre. Ein Privatkredit könnte sechzigtausend bringen.
Mit Mamas Hilfe, die nur ihre Rente und fünfundzwanzigtausend Ersparnisse hatte, käme sie auf vielleicht hunderttausend. Es fehlten einhundertfünfzigtausend. Die Bank sagte Nein. Ihre Verschuldung war am Limit.
In ihrem Kopf drehten sich die Zahlen: 135. 000. Immer wieder 135. 000.
Sie sah keinen Ausweg. Dann, am Abend, saß sie bei ihrer Mutter am Küchentisch und erzählte alles – von Annika im Bademantel, den drei Zahnbürsten im Badezimmer, der geplanten Hochzeit im Frühling, der falschen Bewertung, die sie fast ruiniert hätte. Drei Wochen später kam der Anruf, der alles änderte. Ein alter Freund aus Jugendtagen, den sie zwanzig Jahre nicht gesehen hatte.
„Fast 135. 000 Euro“, sagte er am Telefon. Svenja stockte. „Wir haben uns zwanzig Jahre nicht gesehen, und du willst mir einfach so helfen?
“ Er lachte leise. „Mit dir habe ich all die Jahre nur existiert. “
Sie trafen sich in einem Café. Er saß vor ihr, kein schmächtiger Junge mehr, sondern ein Mann, der ihr ruhig erklärte, dass er das Geld hätte und dass er es ihr geben würde, ohne Bedingungen.
Svenja wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Sie nahm das Geld an, und am nächsten Tag stand ein solventer Käufer für die Wohnung bereit: 230. 000 Euro, ohne zu verhandeln. Doch als der Notarvertrag auf dem Tisch lag, kam Annika mit ihrem Angebot: „200.
000, mehr gebe ich nicht. “ Jochen schüttelte den Kopf. „Die Leitungen sind alt, die Kacheln kaputt. “ Sie einigten sich schließlich auf 220.
000. Svenja atmete auf. Die Anzahlung war gerettet. Dann öffnete die Notarin die Akte und sagte: „Woher kommen 70.
000 Euro Schulden? “ Svenja starrte sie an. „Um genau zu sein, sind es genau 70. 000 Euro“, korrigierte die Notarin.
„Ihr Anteil entspricht 35. 000 Euro. “ Svenja drehte sich zu Annika um. „Du hast hinter meinem Rücken Kredite über 70.
000 Euro aufgenommen? “
Annika sah weg. Jochen räusperte sich. „Wir planten die Renovierung, den Urlaub, all das.
“ Svenja schloss die Augen. Sie sah sich selbst wieder an der Backsteinmauer stehen, zitternd, während ihre Schwester sie bat, die Familie zu retten. Und jetzt? Jetzt war sie diejenige, die betrogen worden war.
Als sie am Abend in ihrer leeren Wohnung saß, klingelte ihr Telefon. Es war ihre Mutter. „Svenja, ich habe etwas auf dem Dachboden gefunden. Du musst kommen.
“ Svenja fragte nicht nach. Sie zog die Jacke an und ging hinaus in den kalten Regen.