Vor vier Jahren hat mich ein Oberstaatsanwalt wegen fahrlässiger Tötung hinter Gitter gebracht. Ein Gutachten, gekaufte Zeugen, ein Prozess, den ich nie gewinnen konnte. Gestern, am Tag meiner…

Sebastian Wellenbrinks Finger waren steif und hölzern, als er keuchend an der Bushaltestelle stand. Der Bus war ihm direkt vor der Nase weggefahren, und der nächste kam erst in vierzig Minuten. Drei Kilometer verschneite Landstraße lagen noch vor ihm bis nach Altenberge, wo sein Cousin Stefan lebte. Nach vier Jahren in der Justizvollzungsanstalt hatte er verlernt, sich über solche Kleinigkeiten zu beschweren.

Thumbnail

Er stapfte am Straßenrand entlang, den Kragen seiner einfachen Arbeitsjacke hochgezogen. Der feine, stechende Schnee drang hindurch. Er, der ehemalige Chefarzt der Landesklinik, promovierter Mediziner, war nun ein entlassener Strafgefangener mit fünfzig Euro in der Tasche und einem Entlassungsschein als einzigem Ausweis. Seine Frau hatte sich scheiden lassen, seine Tochter war nie zu Besuch gekommen, und die Eigentumswohnung war längst verkauft, um die Schadensersatzforderungen zu begleichen.

Vier Jahre zuvor war eine sechsjährige Patientin auf seinem Operationstisch gestorben. Ein Mädchen mit verschleppter Bauchfellentzündung, das viel zu spät eingeliefert worden war. Sebastian hatte vier Stunden um ihr Leben gekämpft, doch sie hatte kaum eine Chance gehabt. Dann stellte sich heraus, dass der Vater des Mädchens Oberstaatsanwalt Westermann war.

Trauer verwandelte sich schnell in Rachsucht. Ein Gutachten fand plötzlich Protokollverstöße, die Aussagen der Krankenschwestern änderten sich, und der Anästhesist erinnerte sich plötzlich an angebliche Fehler. Sebastian hatte sich nicht groß verteidigt. Er war einfach müde und wusste, dass man gegen diese Macht nicht ankam.

Sieben Jahre wurde er verurteilt, kam aber nach vier wegen guter Führung vorzeitig frei. Als er an einer Abzweigung zu einem Feldweg stehen blieb, um zu verschnaufen, hörte er ein Geräusch. Zuerst dachte er, es sei der Wind, doch dann wurde es deutlicher. Ein leises Wimmern.

Er erstarrte und lauschte angestrengt in die Dunkelheit des angrenzenden Waldstreifens. Er folgte dem Geräusch und fand zwischen den Bäumen ein verlassenes Auto. Die Tür war offen, und darin lag ein Kinderbettchen. Eine junge Frau hantierte daran, zupfte die Decke zurecht und richtete ein Mobile mit bunten Fischen.

Sie wirkte verstört. Sebastian trat näher und erkannte mit einem Schlag, was hier vorging. Die Frau hatte das Kind nicht bei sich, und ihre Kleidung war viel zu dünn für diese Kälte. Er sprach sie an, doch sie reagierte kaum.

Er versuchte, die Situation zu erfassen, als ein Auto mit voller Beleuchtung den Feldweg herabkam und neben ihnen stoppte. Ein Mann stieg aus, groß, in teurem Mantel, mit einem kalten Lächeln. „Na, wen haben wir denn da? Den Doktor persönlich.

” Sebastian erkannte ihn sofort. Es war Westermann, der Oberstaatsanwalt, der Vater des verstorbenen Mädchens, der Mann, der ihn hinter Gitter gebracht hatte. „Das ist ein privater Streit, Doktor”, sagte Westermann und deutete auf die junge Frau. „Meine Tochter braucht ihre Medikamente.

Ich hole sie ab, dann verschwinden Sie. ” Sebastian sah die Angst in den Augen der Frau. Sie war offensichtlich nicht freiwillig hier. Er trat einen Schritt vor, obwohl seine Beine zitterten.

„Sie sind nicht ihr Vater”, sagte er ruhig. „Sie haben gesagt, Sie sind der Vater? Das bezweifle ich. ”

Westermann lachte leise.

„Sie haben immer noch diesen Heldenkomplex, was? Das hat Sie schon Ihre Karriere gekostet. ” Er zog ein Handy aus der Tasche. „Ich rufe jetzt die Polizei und melde einen entlassenen Strafgefangenen, der eine junge Frau belästigt.

Was glauben Sie, wem man glauben wird? Ihnen? Mit Ihrer Vorstrafe? Oder mir?

” Sebastian wusste genau, dass er keine Chance hatte. Seine Vorstrafe machte jede Aussage wertlos, und Westermann hatte die gesamte Region in der Tasche. Er sah zur Frau, die sich schützend über das leere Bettchen beugte und leise schluchzte. In diesem Moment traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag.

Westermann hatte nicht nur sein Leben zerstört. Er hatte offenbar auch seine eigene Tochter in eine verzweifelte Lage gebracht, die mit diesem Auto und dem leeren Bettchen zu tun hatte. Sebastian trat einen Schritt zurück, hob die Hände und sagte: „In Ordnung. Sie gewinnen.

Ich gehe. ”

Aber er ging nicht. Er wich nur zurück in den Schatten der Bäume, während Westermann zur Frau ging und sie grob am Arm packte. „Komm jetzt.

Das hier ist vorbei. ” Die Frau schrie auf, und Sebastian sah, wie sie sich wehrte, aber Westermann war stärker. In seinem Kopf raste alles. Er wusste, dass er nichts beweisen konnte und dass jede Anzeige gegen Westermann im Sande verlaufen würde.

Aber er wusste auch, dass er nicht einfach weggehen konnte. Nicht schon wieder. Nicht, wenn eine Frau in Gefahr war. Er wartete, bis Westermann die Frau zum Auto führte und sie auf den Beifahrersitz drückte.

Als Westermann um das Fahrzeug herumging, um auf der anderen Seite einzusteigen, bewegte sich Sebastian leise aus dem Schatten.