Als mein Vater am Heiligabend sagte, ich bekäme nichts, hob niemand den Blick von der Gans. Nur ich lächelte langsam mit diesem ruhigen Lächeln, das die Leute immer falsch deuten, kurz bevor ihre Welt verrutscht. Wir saßen in Hamburg-Blankenese, im alten Haus mit Elbblick, Silberbesteck, Rotkohl, Klößen und dieser dicken Familienluft aus Stolz und Kontrolle. Meine Mutter Ingrid schnitt die Gans, als wäre Schweigen eine Tischordnung und nicht die Krankheit, die unsere Familie jahrzehntelang regiert hatte.

Mein Bruder Matthias grinste schon, bevor Vater überhaupt sein Kristallglas abstellte, weil er sicher war, dass dieser Abend ihm gehören würde. Ich war nur eingeladen worden, damit sie zusehen konnten, wie ich still nicke und mich wieder klein machen lasse. So lief es früher immer, besonders nachdem Vater jedem erzählt hatte, ich hätte für echte Geschäfte einfach nicht das richtige Wesen. Er nannte Matthias verlässlich, mich schwierig, obwohl ich die einzige war, die seine Bilanzen wirklich verstanden hatte.
An diesem Abend trug ich ein schwarzes Seidenkleid, alte Familienperlen und die Ruhe einer Frau, die längst aufgehört hat, um Liebe zu bitten. Draußen lag gefrorener Schnee auf den Treppenstufen, drinnen roch alles nach Bratensoße, Tannenzweigen und diesem alten Geld, das sich unantastbar fühlt. Vater räusperte sich und sagte dann ganz trocken, fast gelangweilt, als ginge es ums Wetter und nicht um Menschenleben.
„Katharina