Als der Gerichtsvollzieher mir Forderungen über 123.000 Euro übergab, dachte ich kurz, er hätte sich in der Tür geirrt. Doch dann sah ich meine Unterschrift auf jedem Vertrag – obwohl ich nie…

An einem regnerischen Montagmorgen stand plötzlich ein Gerichtsvollzieher vor meiner Wohnung in Hamburg und überreichte mir Forderungen über 123. 000 Euro. Mein erster Gedanke war: Der muss sich in der Tür geirrt haben. Doch auf jedem Blatt stand mein vollständiger Name, meine alte Adresse, meine Steueridentifikationsnummer und sogar eine Unterschrift, die der meinen verdammt ähnlich sah.

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Nur hatte ich niemals einen dieser Verträge unterschrieben. Ich arbeitete damals seit neun Jahren als Buchhalterin in einem mittelständischen Logistikunternehmen. Ich lebte vorsichtig, zahlte Rechnungen sofort und bekam schon bei zwanzig Euro Mahngebühr schlechte Laune. Schulden waren mein persönlicher Albtraum.

Und jetzt sollte ich plötzlich Kredite, Möbelkäufe, Luxusreisen, Leasingraten und mehrere Kreditkarten bezahlen. Der Gerichtsvollzieher sah mich mitleidig an, als hätte er diese Geschichte schon hundertmal gehört. Ich fragte, ob ich das irgendwie sofort stoppen könne. Er schüttelte langsam den Kopf und sagte, ich müsse beweisen, dass nicht ich hinter den Verträgen steckte.

Da wurde mir schlagartig übel. Als die Tür hinter ihm zufiel, blieb ich im Flur sitzen. Meine Hände zitterten, mein Kaffee wurde kalt, und draußen rauschte der Regen gegen die Scheiben wie höhnischer Applaus. Zuerst dachte ich an Betrug durch Fremde – ein Datenleck, ein gehacktes Konto, irgendein Krimineller, der meine Papiere aus dem Müll gezogen hatte.

Doch dann traf mich der zweite Gedanke noch härter: Die meisten Verträge enthielten Informationen, die nur jemand aus meiner Familie kennen konnte – zum Beispiel den Mädchennamen meiner Mutter und mein erstes Schulkonto. Ich rief sofort meine Bank an. Die Mitarbeiterin sperrte mehrere Zugänge und erklärte mir, dass unter meinem Namen schon seit fast drei Jahren regelmäßig Kreditanfragen gestellt worden waren. Drei Jahre lang hatte jemand in meinem Namen gelebt, ohne dass ich etwas davon ahnte.

Meine Schwester Anna fiel mir ein. Sie trug neuerdings Designerjacken, fuhr einen nagelneuen Wagen und postete Wochenenden in Sylt, Wien und Zürich. Anna war schon immer anstrengend und impulsiv gewesen, aber das hier war eine ganz andere Dimension. Als ich ihr die Unterlagen zeigte, wurde sie merkwürdig still.

Nicht überrascht, nicht verwirrt, sondern still auf eine Weise, die mir sofort den Magen zusammenzog. Besonders seltsam war eine Überweisung über 18. 000 Euro an eine Firma namens Nordlichtberatung. Ich fragte Anna, ob sie ernsthaft erwartete, dass ich wegen 123.

000 Euro Tee trinke und freundlich zuhöre. Sie schwieg. In meinem Kopf überschlugen sich die Fragen: Wie lange lief das schon? Wie viele Verträge gab es noch?

Und vor allem: Warum hatte sie es getan? In den folgenden Wochen kämpfte ich gegen die Forderungen an. Ich sammelte Unterlagen, schrieb Widersprüche, holte Anwälte hinzu. Es ging nicht nur um Geld oder Kreditwürdigkeit, sondern um meinen Ruf, meinen Beruf und das sichere Gefühl, dass mein Name mir gehörte.

Jedes Mal, wenn ein Brief vom Gericht kam, zitterte ich. Jedes Mal, wenn ein Anruf von einer Bank kam, hielt ich den Atem an. Am Ende kam es zur Verhandlung. Der Saal wurde still, als die Richterin die Unterlagen aufrief.

Ich hatte Beweise, Zeugen und Gutachten. Ich zeigte, dass ich zum Zeitpunkt der Vertragsabschlüsse auf einer anderen Kontinent war. Ich hatte Alibis, die ein Gericht nicht widerlegen konnte. Doch ganz einfach war es nicht.

Die 123. 000 Euro wurden nicht einfach gelöscht. Es dauerte Monate, bis die Schulden von meinem Namen verschwanden. Bis dahin war ich vorsichtig mit jeder Adresse, jedem Brief, jedem Anruf.

Heute weiß ich: Mein Name gehört wieder mir. Und ich habe gelernt, dass manchmal die größte Gefahr nicht von Fremden kommt, sondern von denen, die man am meisten liebt – oder glaubt zu lieben. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.