Der Regen trommelte gegen die Fenster, als ich von der Schule nach Hause kam. Es war der 14. Oktober 2011, ein Dienstag wie jeder andere. Ich war 15, hatte einen Rucksack mit Hausaufgaben dabei und dachte an nichts Besonderes.

Dann sah ich das Auto vor unserem Haus. Es war nicht das von meinem Vater. Als ich die Tür öffnete, stand ich im Flur und hörte Stimmen aus dem Wohnzimmer. Mein Vater saß auf dem Sofa, neben ihm eine Frau, die lächelte, als wäre sie hier zu Hause.
Sie sah aus wie Ende Dreißig, gepflegt, mit teuren Klamotten. „Das ist Leonie“, sagte mein Vater und stand auf. „Meine neue Partnerin. “
Ich nickte unsicher.
Leonie musterte mich von oben bis unten, dann drehte sie sich zu meinem Vater um und sagte: „Sie sieht wirklich aus wie deine Ex. Merkwürdig. “
Ich wollte in mein Zimmer gehen, aber mein Vater hielt mich zurück. „Wir müssen reden.
“
„Können wir später? Ich muss noch Mathe machen. “
Er schüttelte den Kopf. „Setz dich.
“
Die folgenden Wochen veränderten alles. Leonie zog bei uns ein, und mein Vater veränderte sich. Er hörte auf, mich zu fragen, wie mein Tag war. Er hörte auf, mit mir zu lachen.
Leonie bestimmte, was gegessen wurde, wann ich schlafen ging, ob ich Freunde treffen durfte. Sie sagte meinem Vater, dass ich frech sei, wenn ich widersprach. Sie sagte, dass ich ihn nicht respektiere. Und er glaubte ihr.
Ich versuchte, mit ihm zu reden. Einmal blieb ich abends vor seinem Zimmer stehen. „Papa, ich habe Angst, dass du mich nicht mehr liebst. “
Er sah mich an, aber seine Augen waren leer.
„Du bist dramatisch. Leonie hat recht. “
Am 14. Oktober, genau ein Jahr nachdem ich Leonie zum ersten Mal gesehen hatte, kam ich nach Hause und fand mein Zimmer durchwühlt vor.
Schubladen waren offen, Sachen lagen auf dem Boden. Auf meinem Schreibtisch lag ein Brief – ein Brief von meiner Mutter, den ich seit Jahren versteckt hatte. Ich hatte ihn unter einem losen Dielenbrett aufbewahrt, zusammen mit 5. 000 Euro, die sie mir vor ihrem Tod gegeben hatte.
Sie hatte gesagt, dass ich sie erst mit 21 bekommen sollte, aber ich hatte sie versteckt, um sie vor meinem Vater zu schützen, falls er wieder trinken würde. Leonie stand in der Tür. „Was ist das? “, fragte sie.
„Das geht dich nichts an. “
Sie grinste. „Das werden wir sehen. “
Am Abend rief mein Vater mich ins Wohnzimmer.
Leonie saß neben ihm, mit verschränkten Armen. Auf dem Tisch lagen der Brief und die Geldscheine. „Erkläre mir das“, sagte mein Vater, seine Stimme zitterte vor Wut. „Das ist von Mama.
Sie hat es mir gegeben, als sie starb. Sie wollte, dass ich es bekomme, wenn ich alt genug bin. “
„Lüge“, sagte Leonie. „Sie hat es gestohlen.
“
„Ich habe nie etwas gestohlen! “, rief ich. „Das ist meins! Mama hat es mir gegeben!
“
Mein Vater stand auf und kam dicht vor mich. Sein Gesicht war rot wie rohes Fleisch. „Leonie hat mir alles erzählt. Dass du bei ihr gestohlen hast.
Dass du mich belügst. Dass du es mit deinen Freunden durchbringst. “
„Das ist nicht wahr! “, schrie ich.
„Sie lügt! Frag sie, woher sie das weiß! Frag sie nach Beweisen! “
Aber mein Vater hörte nicht.
Er sah mich an, und in seinen Augen lag nichts mehr von dem Mann, der mich als Kind in den Arm genommen hatte. Er zeigte auf die Tür. „Verschwinde aus meinem Haus. Ich brauche keine kranke Tochter.
“
Ich wollte noch etwas sagen, aber er packte mich am Arm und zerrte mich zum Eingang. Er stieß mich hinaus in den Regen und schloss die Tür hinter mir ab. Ich stand da, in einem dünnen Pullover und Stoffschuhen, die schnell durchweichten. Ich hatte keinen Mantel, kein Handy, kein Geld.
Nur meinen Schulrucksack mit den Hausaufgaben und die 5. 000 Euro, die ich in der Tasche versteckt hatte, bevor er mich hinauswarf. Es war Oktober, der Regen peitschte mir ins Gesicht. Ich wusste nicht, wohin.
Ich lief durch die Straßen, an Häusern vorbei, an warmen Lichtern hinter Fenstern. Ich war völlig allein. Nach ein paar Stunden klopfte ich an die Tür einer Nachbarin, Frau Keller, die mich seit Jahren kannte. Sie war schockiert, als sie mich sah.
„Du bist ja klatschnass. Was ist passiert? “
„Mein Vater hat mich rausgeworfen. “
Sie rief die Polizei.
Als die Beamten eintrafen, erzählte ich ihnen die ganze Geschichte. Sie notierten alles und fuhren zu unserem Haus. Ich blieb bei Frau Keller, zitternd, mit einer Decke um mich. Drei Stunden später klingelte das Telefon.
Frau Keller hob ab und ihr Gesicht wurde blass. Sie reichte mir den Hörer. Es war mein Vater. Seine Stimme klang, als würde er weinen.
„Hanna? Bist du das? “
„Ja. “
„Du musst zurückkommen.
Bitte. “ Er schluchzte. „Leonie hat mir alles gestanden. Sie hat die ganze Zeit gelogen.
“
Ich schwieg. Ich hörte, wie er weitersprach, dass sie zugegeben hatte, mich fälschlich beschuldigt zu haben, dass sie das Geld genommen hatte, dass sie mir die ganze Zeit nur geschadet hatte. Aber ich konnte nicht antworten. Schließlich sagte ich: „Ich komme nicht zurück.
“
Ich blieb bei Frau Keller. Die Polizei nahm eine Anzeige auf. Das Jugendamt wurde eingeschaltet. Mein Vater versuchte, mich zu erreichen, aber ich weigerte mich, ihn zu sehen.
Ich zog in ein Kinderheim und wechselte die Schule. Die 5. 000 Euro behielt ich, obwohl sie mir anboten, sie für mich zu verwalten. Ich brauchte sie als Notgroschen.
Mit 18 erbte ich das Geld von meiner Mutter – 45. 000 Euro. Ich bekam es auf ein eigenes Konto. Ich studierte, zog in eine andere Stadt, und verdiente mir mein eigenes Leben.
Die Jahre vergingen. Ich dachte manchmal an meinen Vater, aber ich konnte ihm nicht verzeihen. Er hatte mir nicht geglaubt. Er hatte mich in den Regen gestoßen, ohne mir zuzuhören.
Ein paar Jahre später hörte ich zufällig, dass Leonie wegen Betrugs vor Gericht stand. Sie hatte meinen Vater und viele andere Menschen übers Ohr gehauen – insgesamt über 400. 000 Euro. Sie hatte einiges gestohlen, auch von Leuten, die ihr ihre Ersparnisse anvertraut hatten.
Sie wurde verurteilt, aber das änderte nichts an dem, was ich durchgemacht hatte. Dann, vor ein paar Wochen, kam ein Brief. Er lag auf dem Küchentisch, als ich nach Hause kam. Die Handschrift auf dem Umschlag war zittrig, das Papier billig.
Absender: ein Seniorenheim. Mein Vater schrieb, dass er im Sterben liege. Er schrieb, dass es ihm leid tue. Er schrieb, dass er mich sehen wolle, bevor es zu spät sei.
Ich habe den Brief gelesen und dann wieder weggelegt. Der Regen draußen erinnerte mich an jenen Abend. Ich sitze jetzt in meiner Wohnung und schaue auf das Papier. 13 Jahre lang habe ich nichts von ihm gehört.
Jetzt will er mich sehen. Ich weiß nicht, ob ich gehen soll. Ich weiß nicht, ob ich ihm verzeihen kann. Aber da ist etwas, das mich zögern lässt, den Brief wegzuwerfen.
Vielleicht will ich wissen, ob er endlich die Wahrheit sieht. Vielleicht will ich ihm sagen, was sein Misstrauen mit mir gemacht hat. Ich bleibe sitzen, der Regen prasselt weiter. Meine Hand liegt auf dem Telefon.
Ich weiß nicht, ob ich die Nummer wählen werde.