Als die Direktorin meinen Namen für den Preis der besten Abiturientin aufrief, wurde es in der Aula plötzlich still. Mein Vater starrte auf sein Handy, meine Mutter zupfte an ihrem Beiseekostüm, und neben ihnen saß Anja mit einem Lächeln, das irgendwie wusste, dass ich hier alleine stand. Niemand klatschte für mich, nicht einmal meine eigene Familie. Ich war die Tochter, die immer den Drucker repariert und die Buchhaltung korrigiert hatte, während Anja das Geld, die Aufmerksamkeit und die hübscheren Entschuldigungen bekam.

Sie hatten mich nie gefördert, nur verwaltet. „Wir investieren nicht in Risiken“, hatte mein Vater gesagt, als ich nach dem Prüfungsbeitrag für eine Wirtschaftsakademie in Frankfurt fragte. Meine Mutter nannte mich „robuster“ und flüsterte später in der Küche, eine Frau mit zu viel Bildung werde unerquicklich. Ich stand mit meinem Tablett im Flur und hörte jedes Wort, aber stattdessen, dass ich zerbrach, wurde ich ruhig.
Diese Ruhe trug mich durch heimliche Bewerbungen, drei Nebenjobs und ein winziges Mädchenzimmer in Frankfurt, während meine Eltern Anjas drittes Semester finanzierten, das sie schon wieder versemmelte. Am Tag der Abschlussfeier, als die Direktorin mir die Urkunde überreichte, sahen meine Eltern zu Boden. Sie waren nur gekommen, weil Nachbarn da waren. Später, auf dem Parkplatz, hörte ich Anja sagen: „Kann sie nicht einfach alleine feiern?
Das ist doch peinlich. “ Da wusste ich, dass ich nie wieder zurückkommen würde, egal was noch passieren würde. Jahre später, als ich mein erstes Unternehmen gründete, stand ich vor einem dunklen Audi vor dem Elbhausdeich, und die Leute glaubten, ich hätte immer alles bekommen. Sie wussten nichts von den Nächten zwischen Geschirrstapeln oder den Serviettennotizen im Kaffee.
Aber dieses eine Telefonat, als mein Vater plötzlich meine Hilfe brauchte, weil seine Firma kurz vor der Pleite stand, änderte alles. Er bat mich um eine Bürgschaft, und ich blätterte in den Unterlagen, die er mir geschickt hatte. Innerhalb von zwanzig Minuten fand ich drei peinliche Fehler, zwei überteuerte Beraterverträge und eine Bürgschaft, die Anja mitverursacht hatte. Dann hörte ich seine Stimme am anderen Ende: „Katrin, du bist doch die Vernünftige.
“ Er hatte noch nie einen Satz gesagt, der so wenig wie ein Kompliment klang.