„Ich möchte nicht, dass meine zukünftige Schwiegermutter mir beim Anprobieren des Brautkleides hilft“, flüsterte Tabea am Telefon, aber Lennard hörte nur das Rascheln seiner Zeitung. „Ach, Tabea, sei nicht so empfindlich. Giesela und Sibille kennen sich aus. Sie wissen, was sich gehört.

“
Sie wussten es. Sie hatten es ihr bei jedem Besuch gezeigt – mit betont höflichen Worten, hinter denen eine Kälte lag, die Tabea bis in die Knochen spürte. Aber sie schwieg, weil sie Lennard liebte. Die beiden Frauen standen in ihrem Apartment, das sich in ein Schlachtfeld verwandelt hatte.
Sibille, die zukünftige Schwägerin, hielt einen Schlankheitsgürtel in die Höhe. „Probier den an. Eine Braut muss zierlich wirken. Delikat.
Nicht so … kräftig. “
Tabea presste die Lippen zusammen. Sie nahm den Gürtel entgegen und zog sich um.
Als sie zurückkam, sahen die beiden Frauen sie mit diesem mitleidigen Lächeln an, das sie hasste. „Na siehst du“, sagte Giesela, Lennards Mutter, „jetzt passt das Kleid schon besser. Wir müssen nur noch das Make-up abändern. Dieses Rot an den Lippen – viel zu aufdringlich.
“
„Aber ich habe mich immer so geschminkt“, protestierte Tabea leise. „Eine Braut soll natürlich aussehen. Frisch. Unschuldig“, sagte Sibille und drückte ihr einen Schwamm in die Hand.
„Damit schminkst du es ab. “
Tabea tat es. Sie ließ sich das Gesicht neu gestalten, bis es fremd aussah. Als sie in den Spiegel blickte, erkannte sie sich kaum wieder.
Blass, ausdruckslos, wie eine Puppe. Aber sie schwieg, weil in zwei Stunden die Hochzeit beginnen sollte. „Sehr schön“, sagte Giesela zufrieden. „Jetzt wäre da noch die kleine Angelegenheit mit deinem Brautstrauß.
“
„Der ist seit Wochen bestellt“, erwiderte Tabea verwirrt. „Bei Frau Lindner. “
„Frau Lindner hat angerufen“, fuhr Giesela fort, während Sibille einen vergnügten Blick tauschte. „Die Blumen sind nicht rechtzeitig geliefert worden.
Wir haben einen Ersatz besorgt. Natürlich von den billigsten, die wir finden konnten. “
Vor Tabeas Augen verschwamm alles. Sie drehte sich um und lief ins Schlafzimmer.
Dort, auf dem Bett, lag ihr Brautkleid – zerrissen, mit Tinte befleckt und an den Nähten aufgetrennt. „Das ist euch gelungen“, flüsterte sie. Sie hörte Schritte hinter sich. Giesela und Sibille standen in der Tür, mit gespielter Bestürzung im Gesicht.
„Wie schrecklich! Da muss jemand hereingekommen sein … “
„Jemand, der es zufällig auf genau dieses Kleid abgesehen hat“, unterbrach Tabea sie scharf. „Du wirst doch nicht glauben, dass wir …
“, begann Sibille. „Doch. Das glaube ich. “
Giesela seufzte dramatisch.
„Tabea, du bist überarbeitet. Die Nerven. Dabei wollen wir nur das Beste für dich. Für Lennard.
Für diese Hochzeit. “
„Du solltest dich hinlegen“, fügte Sibille mit honigsüßer Stimme hinzu. „Wir bringen das mit den Blumen in Ordnung. Und das Kleid …
die Schneiderin kann bestimmt noch etwas retten. “
Tabea antwortete nicht. Sie sah nur zu, wie die beiden Frauen sich zurückzogen, mit diesem zufriedenen Blick, der alles sagte. Sie wollten sie hier begraben.
Unter Fassade, Kontrolle und fremder Schönheit. In ihr flammte etwas auf. Sie ging zum Schrank und holte das rote Kleid heraus – das, das sie für das Abendessen mit Lennards Eltern gekauft hatte, von dem sie aber nie getragen hatte, weil Giesela gesagt hatte, es sei „zu gewagt“. Es passte perfekt.
Es war sie. Sie zog es an. Dann nahm sie ihr Handy und rief ein Taxi. Im Restaurant angekommen, erwartete sie ein Meer aus Weiß und Creme.
Die Gäste erhoben sich, als sie eintrat. Lennard, der vorne am Altar stand, drehte sich um – und sein Gesicht wurde erst rot, dann blass. „Tabea, was …? “
„Ich habe eine Frage“, sagte sie laut und deutlich.
„Willst du mich so heiraten, wie ich bin? Oder willst du die Frau heiraten, die deine Mutter aus mir machen will? “
Stille. Totenstille.
„Jetzt mach keine Szene“, zischte Giesela und eilte auf sie zu. Tabea ließ sie nicht näher kommen. „Ich weiß, was du und Sibille getan haben. Das Kleid.
Die Blumen. Das Make-up. Alles, um mich kleinzumachen. Aber es ist vorbei.
“
Lennard trat auf sie zu. „Tabea, wir können das klären. Bitte, nicht hier … “
„Du hast nichts geklärt, Lennard.
Du hast mich allein gelassen. Immer. Bei deiner Mutter. Bei deiner Schwester.
Überall hast du mich allein gelassen, damit sie mich zerstören konnten. “
Sie sah ihm in die Augen. „Ich war bereit, für dich alles zu ertragen. Aber ich bin nicht bereit, mich selbst dafür zu verlieren.
“
Sie wandte sich ab und ging in Richtung Ausgang. Keiner hielt sie auf. Vor der Tür wartete das Taxi. „Flughafen“, sagte sie.
„Ich weiß noch nicht wohin. Aber weit weg. “
Sie weinte erst, als das Taxi auf der Autobahn war. Tränen der Erleichterung.
Der Befreiung. In Berlin fand sie ein Zimmer zur Untermiete. Sie meldete sich an der Floristikschule an, von der sie immer geträumt hatte. Sie arbeitete – bei Blumengeschäften nachts, um die Miete zu zahlen, tagsüber lernte sie, arbeitete sie, gestaltete sie.
Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich frei. Sie träumte wieder. Sie entwarf Sträuße, die Geschichten erzählten, Installationen, die Menschen berührten. Eine Gärtnerin, die sie auf einer Ausstellung kennenlernte, stellte sie ein.
„Du denkst nicht in Blumen, du denkst in Bildern“, sagte sie. „Das ist selten. “
Die Klage von Lennards Mutter traf sie acht Monate später. „Verleumdung und seelische Grausamkeit“ stand darin.
Sie forderte fünfzehntausend Euro Schadensersatz. Tabea lachte. Dann rief sie ihren Anwalt. „Wir gehen vor Gericht.
Ich will, dass sie es öffentlich zurücknimmt. “
„Anwaltskosten will ich nicht“, überlegte sie kurz. „Nein, ich will den Urteilsspruch. Ein Urteil, das sagt, dass sie gelogen hat.
Öffentlich, vor allen. “
Der Prozess dauerte drei Monate. Am Ende verkündete der Richter: „Die Klage wird abgewiesen. Es konnten keinerlei Schäden nachgewiesen werden.
Der Beklagten wird das Recht zuerkannt, in eigener Sache zu sprechen. “
Es war ein Sieg. Nicht nur vor Gericht. Auch über die Angst vor ihrer eigenen Stimme.
„Ich habe gewonnen“, sagte Tabea später am Telefon zu ihrer Anwältin. „Aber eigentlich habe ich schon gewonnen, als ich beschloss, mich nicht mehr klein machen zu lassen. “
Ein Jahr später eröffnete sie ihr eigenes Blumengeschäft in Berlin-Mitte. Auf dem Schild stand: „Tabea Blütenkunst – Blumen, die Geschichten erzählen.
“
Manchmal, wenn sie einen üppigen weißen Brautstrauß band, dachte sie an Lennard. Sie hatte gehört, er habe sich nie getraut, allein zu leben. Er war bei seiner Mutter geblieben, beruflich und privat. Sibille hatte geheiratet, einen Mann, der genauso war wie Lennard – nachgiebig und blass.
Aber oft dachte sie auch an das rote Kleid, das sie heute noch besaß, allerdings zu selten trug. „Es passt mir nicht mehr“, erklärte sie ihrer Freundin lachend. „Weil ich gewachsen bin.
“
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