Als die Nachricht meiner Schwester Maren um 6:12 Uhr aufleuchtete, dachte ich zuerst an einen Notfall – nicht an diese bodenlose Frechheit. „Ich kündige heute. Du kümmerst dich um uns, bis ich herausfinde, was ich wirklich will“, schrieb sie, als wäre ich ihr persönliches Sparkonto. Ich saß in meiner Küche mit Blick auf die Alster, trank schwarzen Kaffee und las den Satz dreimal.

Nicht, weil ich ihn falsch verstand, sondern weil ich spüren wollte, wie kalt man sein muss, um so etwas am frühen Morgen zu tippen. Ich heiße Katharina Albrecht, lebe in Hamburg-Harvestehude und besitze die Mehrheit an einem Logistikunternehmen, das Krankenhäuser in ganz Deutschland beliefert. Meine Familie nennt mich elegant, kontrolliert und manchmal schwierig. Wenn sie das sagen, meinen sie eigentlich: Ich bin nie bereit, mich ausnutzen zu lassen.
Maren war schon immer das Gegenteil von mir. Weich im Ton, groß in Träumen und erstaunlich talentiert darin, Rechnungen anderen zu überlassen. Mit 38 hatte sie mehr Neuanfänge hinter sich als ich Wintermäntel im Schrank – und ich besitze wirklich sehr viele Wintermäntel. Sie lebte in Köln, wechselte Jobs wie andere Leute Handytarife und erklärte jede Katastrophe mit dem Wort Selbstfindung.
Normalerweise hätte ich die Nachricht ignoriert. Aber ein einziges Wort blieb mir im Kopf hängen wie ein Glassplitter: dieses „uns“. Noch bevor ich antworten konnte, rief meine Mutter Ingrid an und sagte ohne Begrüßung: „Katharina, ich möchte, dass du diesmal großzügig bist. Deine Schwester ist erschöpft.
Nicht jeder kann so funktionieren wie du. “ Sie seufzte, als wäre Disziplin eine angeborene Gemeinheit. Ich fragte ruhig, wen sie mit „uns“ meinte. Am anderen Ende wurde es für zwei Sekunden auffällig still.
Dann sagte sie nur: „Maren erklärt dir das heute Abend. Wir essen bei uns. Mach bitte kein Theater. “
Kein Theater ist in meiner Familie der übliche Ausdruck dafür, dass man von mir Geld will und Widerstand für unhöflich hält.
Den restlichen Vormittag verbrachte ich im Frankfurter Büro, unterschrieb Verträge und hörte nebenbei meiner Assistentin Franziska zu. Sie stellte die Präsentation für die Aufsichtsratssitzung am Freitag fertig und erwähnte beiläufig eine seltsame Beraterrechnung. Der Name der Firma darauf lautete Morgenstern Consulting, Sitz Düsseldorf, offiziell im Handelsregister eingetragen, gegründet vor gerade einmal elf Wochen. Ich hätte das vergessen können – wäre Marens Nachname nach ihrer zweiten Scheidung nicht seit Jahren wieder Morgenstern.
Auf dem Heimweg fuhr ich im dunklen Audi durch Nieselregen über die Kennedybrücke und dachte zum ersten Mal nicht an Familie, sondern an Muster. Menschen lügen selten kreativ. Sie wiederholen nur alte Gewohnheiten – bloß in teureren Verpackungen, mit glatteren Stimmen und besseren Schuhen. Als ich bei meinen Eltern in Blankenese eintrat, roch das Haus nach Rinderrouladen, Rotkohl und diesem süßlichen Kerzenwachs, das meine Mutter liebt.
Mein Vater Dieter stand wie immer am Fenster, geschniegelt, schweigsam und so nutzlos neutral wie die Schweiz in einem Ehekrieg. Maren saß am Tisch, frisiert wie für ein Bewerbungsgespräch – und neben ihr mein Mann Johannes. Da verstand ich das Wort „uns“. Nicht mit Vernunft, sondern mit Instinkt.
Johannes hob den Blick zu mir – zu langsam, zu vorsichtig. Auf einmal wirkte sein Lächeln wie Geliebte Ware. Seit elf Jahren war er mein Ehemann, nach außen ein Partner, nach innen ein dekoratives Einstecktuch – und angeblich ein Meister verlässlicher Zahlen. Ich küsste niemanden zur Begrüßung.
Ich legte meine Handschuhe ab, setzte mich einfach und tat so, als hätte ich nichts bemerkt. Maren begann noch vor der Suppe mit ihrer Ansprache, als hätte sie den Text im Zug auswendig gelernt. Sie brauche eine Pause vom toxischen Arbeitsmarkt, sagte sie, und wolle endlich etwas Sinnvolles aufbauen. Sie wolle ein eigenes Gesundheitsberatungsunternehmen gründen – mit Morgenstern Consulting, versteht sich – und brauche dafür nur einen kleinen Vertrauensvorschuss.
Von mir. Für den Start. Alles Weitere werde sie mir später erklären. Ich aß meinen Rotkohl zu Ende, trank still einen Schluck Riesling und beschloss, niemanden vor Freitag zu warnen.
Franziska hatte recht gehabt. Und ich? Ich werde dann unangenehm präzise. Still.
Höflich. Und in jeder Zeile absolut tödlich.