„Ihnen bleiben nur noch wenige Monate“, sagte der Arzt und schob die Akte beiseite. Elena Wagner konnte die Worte nicht fassen. Draußen hing ein regnerischer Nachmittag über München, und der Mann im weißen Kittel sprach über ihren Tod, als würde er einen Termin verschieben. „Wie viel Zeit genau?

“, fragte sie. „Drei bis fünf Monate“, antwortete Dr. Stein. Er erklärte, die Biopsie habe einen bösartigen Tumor bestätigt, eine Operation sei zwecklos.
Die Zeilen vor ihren Augen verschwammen. Sie hatte nichts gespürt, nur Müdigkeit, die sie als Stress abgetan hatte. Ihr Mann Henrik hatte auf der Untersuchung bestanden. Seine Fürsorge wirkte jetzt wie ein trauriges Geschenk.
Der Arzt erwähnte ein experimentelles Programm im Ausland, das ihr vielleicht ein oder zwei Jahre bringen könnte. Die Kosten waren enorm. Die Fabrik hatte kein solches Geld. „Ich muss in Ruhe nachdenken“, sagte sie leise.
Auf dem Weg zum Auto fühlte sie sich betäubt. Ihr Handy summte, Henrik rief an, aber sie nahm nicht ab. Sie dachte an die Fabrik aus rotem Backstein, die sie nach dem Tod ihres Vaters aus den Schulden geholt hatte, an die 160 Arbeitsplätze, die sie gerettet hatte. Sie beschloss, Henrik vorerst nichts zu sagen.
Sie brauchte eine Nacht ohne Mitleid. Als sie nach Hause kam, stand Henriks Auto schon in der Einfahrt. Das Haus war still. Sie zog die Schuhe aus und wollte ihn rufen, da hörte sie seine Stimme aus dem Arbeitszimmer.
Die Tür stand einen Spalt offen. „Ich sage dir, sie hat es geschluckt“, flüsterte Henrik. „Morgen erzählt sie mir weinend von der Diagnose, und dann spiele ich den zerstörten Ehemann. “
Elena blieb das Blut in den Adern gefrieren.
„Die dumme Frau hat die Diagnose blind geglaubt. Alles läuft nach Plan. “
Eine Frauenstimme antwortete am Telefon. Henrik lachte leise.
„Stein hat das überzeugend gemacht. Sie wird ihm am Ende noch danken. “
Mit zitternden Händen zog Elena ihr Handy heraus und aktivierte die Sprachaufnahme. „Wir müssen verhindern, dass sie in ein zweites Krankenhaus geht“, fuhr Henrik fort.
„Ich sage ihr, es bleibt keine Zeit. Sie muss sich entscheiden, zwischen der Fabrik und ihrem Leben. Deine Firma kauft das Grundstück zum Spottpreis, und das Geld aus der gefälschten Behandlung wandert auf unser Auslandskonto. “
Elena schlich aus dem Haus, stieg ins Auto und fuhr um den Block, um ihre Tränen zu trocknen.
Sie war nicht diejenige, die sterben würde. Zwanzig Minuten später betrat sie lautstark das Haus und erzählte Henrik weinend von ihrer Krebsdiagnose. Er weinte mit ihr und drängte sofort, die Fabrik zu verkaufen, um ihr Leben zu retten. Sie versprach, am nächsten Tag darüber nachzudenken.
Im Schlafzimmer schickte sie die heimliche Aufnahme an ihre Anwältin Sabine Becker. Am nächsten Morgen traf sich Elena mit Sabine. Die Anwältin hörte sich die Aufnahme an und erkannte sofort den perfiden Plan. „Wir brauchen eine unabhängige Untersuchung“, sagte sie.
Elena fuhr ins städtische Krankenhaus. Die Chefärztin Dr. Keller studierte die Unterlagen aus der Privatklinik skeptisch. „Das Operationsprotokoll fehlt.
Wir brauchen die originalen Gewebeproben. “
Am Nachmittag kam Elena aus dem Computertomographen. Dr. Keller teilte ihr das Ergebnis mit: Es gab keinen Tumor.
Der Bericht aus der Privatklinik war eine Fälschung. Zurück in der Fabrik stellte Henrik ihr eine Frau vor: Klara Bergmann, eine Immobilienmaklerin, die angeblich einen Käufer gefunden hatte. Elena erkannte sofort die süßliche Stimme aus dem Telefonat. Klara präsentierte ein Angebot, das nur ein Drittel des Marktwerts betrug, und drängte auf sofortigen Abschluss.
Elena spielte die schwache Ehefrau und verlangte Bedenkzeit bis Freitag. Am Abend besuchten sie gemeinsam Dr. Stein, der ihr starke Beruhigungstabletten gab. Zu Hause versteckte sie die Pillen und tat so, als würde sie sie schlucken.
In derselben Nacht belauschte sie Henrik erneut. Er telefonierte wieder mit Klara und forderte sie auf, die Gewebeproben einer echten Patientin als Elenas auszugeben. Elena ließ die Tabletten in einem unabhängigen Labor untersuchen. Die Dosis war dreimal so hoch wie das erlaubte Limit, sie sollte sie gefügig machen.
Am Tag vor dem entscheidenden Treffen rief das Krankenhaus an. Sie hatten die wahre Patientin gefunden: Julia Müller, eine alleinerziehende Mutter Anfang vierzig, die mit ihrem Sohn im Büro von Dr. Keller saß. Elena versprach, alle Kosten für die beste Behandlung zu übernehmen.
Am Freitag war Henriks Gier kaum zu übersehen. Er hatte sogar Champagner kalt gestellt. Klara legte die Verträge vor, die den Verkauf an eine dubiose Briefkastenfirma vorsahen. Henrik drängte Elena, eine Generalvollmacht zu unterschreiben.
Elena, in deren Handtasche ein Aufnahmegerät lief, stellte plötzlich gezielte Fragen zur Finanzierung. Sie entlarvte die Widersprüche in Klaras Aussagen. Henrik schrie, sie solle ihre Paranoia ablegen, die Zeit laufe ihr davon. In diesem Moment zog Elena den beglaubigten Bericht aus ihrer Tasche und warf ihn auf den Tisch.
„Ich habe keinen Krebs“, sagte sie mit eiskalter Stimme. „Das ist die gestohlene Akte von Julia Müller, deren Ergebnisse ihr für euren Betrug entwendet habt. “
Panik brach aus. Henrik und Klara schoben sich gegenseitig die Schuld zu.
Da öffnete sich die Tür, und bewaffnete Polizisten stürmten den Raum. In den folgenden Monaten wurde die Fabrik weitergeführt. Henrik und Dr. Stein wurden strafrechtlich verfolgt, die Scheidung vollzogen.
Julia schloss ihre erste Behandlungsrunde erfolgreich ab. Elena verkaufte nur einen Teil des Grundstücks, um neue Maschinen zu finanzieren. Sie hatte ihr Leben zurückgewonnen, und jeder neue Tag gehörte nur noch ihr.