Der Kellner tauchte wie aus dem Nichts auf, als Nina gerade einen Schluck von ihrem Weißwein nehmen wollte. Der Mann, Mitte vierzig, in einem beigen Trenchcoat, setzte sich unaufgefordert an ihren Tisch in der belebten Eisdiele und legte ein gefaltetes Blatt Papier vor sie hin. Nina starrte ihn an, verwirrt, dann wütend. Sie war allein hier, das war ihr Abend, ihre verdiente Auszeit von Kindern und Haushalt, und sie hatte keine Lust auf Fremde, die ihre Ruhe störten.

„Was soll das? Der Tisch ist besetzt“, sagte sie scharf. „Ich warte auf meine Freundin. “
Der Mann ignorierte ihre Worte.
Er sah sie mit einem ernsten, beinahe teilnahmsvollen Blick an, der nicht zu seiner aufdringlichen Art passen wollte. „Ich bin nicht hier, um zu stören“, sagte er leise, „sondern um Sie zu warnen. Nehmen Sie das hier und lesen Sie es, wenn Sie allein sind. Nicht hier.
Nicht jetzt. Und vertrauen Sie niemandem, auch nicht den Menschen, die Ihnen am nächsten stehen. “
Ninas Herz begann zu rasen. Der Mann stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, und verschwand in der Menschenmenge.
Auf dem Tisch blieb das Papier liegen, unscheinbar, wie eine vergessene Rechnung. Nina zögerte einen Moment, dann schob sie es schnell in ihre Handtasche. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, aber das Herzklopfen hörte nicht auf. Sie bestellte keine weitere Kugel Eis mehr, obwohl sie sich darauf gefreut hatte, und bezahlte kurz darauf.
Ihre beste Freundin, die eigentlich kommen sollte, hatte vorhin abgesagt wegen eines dringenden Termins. Nina war also wirklich allein. Sie ging die Hauptstraße entlang, an Schaufenstern und Cafés vorbei. Ihre Hand lag um die Handtasche gekrallt, als wären die Worte des Mannes darin ein geladener Sprengsatz.
„Vertraue niemandem“ – was um alles in der Welt sollte das heißen? Sie hatte ein ruhiges Leben. Ein Reihenhaus am Stadtrand, zwei Kinder, ein Ehemann, der zwar oft müde war von der Arbeit, aber doch immer für sie da war. Nichts in ihrem Leben deutete auf Gefahr oder Verrat hin.
Zuhause angekommen, roch es nach Bratkartoffeln und Zwiebeln. Ihr Mann Uwe stand am Herd, den Rücken ihr zugewandt, und hatte eine Schürze umgebunden, auf der ein Comic-Huhn prangte. Er sah über die Schulter und grinste. „Na, Eiscreme geschmeckt?
Du bist spät. Kaffee ist noch heiß. “
Nina zwang sich zu einem Lächeln. „War schön, einfach mal rauszukommen.
Und ich hatte plötzlich keinen Hunger mehr auf Süßes, nur noch auf dein Essen. “
Uwe nickte zufrieden. Sie setzte sich an den Tisch, zerlegte seine Bratkartoffeln mit der Gabel und hörte nur halb zu, als er over die Arbeit erzählte. Etwas an dem Papier in ihrer Tasche brannte ein Loch in ihren Frieden.
Sie stand auf und murmelte etwas von Kopfschmerzen und Waschen. Sie ging nach oben ins Bad und schloss die Tür ab. Das Papier öffnete sich mit zitternden Fingern. Die Handschrift war akkurat, beinahe schulbuchmäßig.
Nur wenige Zeilen. „Ich weiß, dass er es war. Zwei Nächte nach dem Brand. Er hat den Wagen aus der Garage geholt, mitten in der Nacht.
Fragen Sie ihn nach dem Motel am See. Er wird lügen. Aber Sie kennen die Wahrheit. Er hat mich gesehen, als er dachte, alle schlafen.
Ich wollte es nicht glauben, aber jetzt hat er mich auch. Gehen Sie zur Polizei, bevor er noch mehr zerstört. “
Nina las die Zeilen dreimal, dann vier Mal. Der Motorraum hinter ihren Augen begann zu dröhnen.
Brand – das war das einzige Unglück in ihrem Leben. Vor zwei Jahren, als das alte Haus ihrer Eltern abgebrannt war. Ihre Mutter hatte eine Rauchvergiftung erlitten und ihr Vater einen gebrochenen Knochen, als er über eine Stufe stürzte. Es hatte nach einem Blitzschlag ausgesehen, nach einem schrecklichen Zufall.
Und Uwe? Er hatte damals die Versicherungssumme mitverhandelt, hatte sich um alles gekümmert. Er hatte so tatkräftig und ruhig gewirkt in dieser chaotischen Zeit. Sie hatte sich nie gefragt, woher er die ganze Überblick hatte.
Nina legte das Papier auf das Waschbecken. Ihr Spiegelbild starrte sie an mit jungen, großen Augen, die auf einmal einen Fremdheitszug trugen. Sie hörte unten das Klappern von Tellern, ihr Mann pfiff leise. Eine vertraute, warme Melodie.
Ihr Magen drehte sich um. Sie steckte das Papier in ihre Bluse, unter den Pullover. Sie würde es nicht hier lassen, nicht unter ihrem eigenen Dach, nicht in der Nähe von ihm. Als sie wieder nach unten kam, stand Uwe am Küchentisch und goss Kaffee in zwei Tassen.
Er schob ihr eine hinüber. „Alles gut bei dir, Schatz? Du siehst blass aus. Kriegst du vielleicht eine Erkältung?
“
„Vielleicht“, sagte Nina und nahm die Tasse. „Der Tag war lang. Ich lege mich heute früh hin. “
„Gute Idee.
Ich räume noch auf und komme dann hoch. “
Er lächelte sie an, und für einen Moment sah er aus wie der Mann, den sie vor zwölf Jahren geheiratet hatte. Aber Ninas Blick blieb auf seinen Händen hängen. Sie hatte plötzlich das unbestimmte Bild von Benzin, von einer dunklen Garage, von einem Motor, der heimlich startet.
„Schatz? “, fragte Uwe, als sie nicht antwortete. „Ja? “, sagte Nina und schluckte schwer.
„Ich hab nur gedacht, wie schnell die Jahre vergehen. “
„Alles gut“, sagte er. Und sie trank einen Schluck von dem heißen Kaffee, obwohl ihr dabei übel wurde. Sie wachte mitten in der Nacht auf.
Das Schlafzimmer war dunkel, schnurgerade schnarchte Uwe neben ihr. Nina lag auf dem Rücken, starrte an die Decke und spürte das Papier unter ihrem Kopfkissen. Sie hatte es heimlich dort verstaut, überlistet von ihrer Angst. Der Name des Ortes, der in dem Brief genannt wurde – das Motel am See –, ließ ihr keine Ruhe.
Diesen Ort gab es wirklich. Sie kannte ihn aus ihrer Jugend, ein verstaubter Wochenendhof am Kieselsee, manchmal wettergegerbt, manchmal heruntergekommen. Sie hatte dort mit ihren Eltern ein paar Sommer verbracht, bevor es geschlossen wurde. Aber Uwe kannte das Seehotel nicht.
Sie hatte ihm nie davon erzählt, zumindest erinnerte sie sich nicht daran. Und doch stand der Name auf dem Zettel. Wie konnte ein fremder Mann – oder wer auch immer das Papier hinterlassen hatte – einen Ort kennen, den sie fast vergessen hatte, wenn es nicht eine Verbindung gab? Nina schob die Bettdecke zurück und stand leise auf.
Sie brauchte Beweise. Sie brauchte etwas, das ihre ruhelose Fantasie in eine solide, fassbare Wahrheit verwandelte oder endgültig zerstörte. Sie schlich ins Bad, holte ihr Handy und tippte unter der Bettdecke im Hausflur den Namen des Motels ein. Es gab mehrere Treffer, aber keiner davon hatte mit einem oder einer Toten zu tun, nicht direkt jedenfalls.
Dann fiel ihr ein, wie sie an die Akten ihres Vaters kommen konnte. Er hatte alles aufbewahrt, in einer grauen Kiste im Keller. Fotos, Briefe, alte Verträge. Nina tastete sich die Treppe hinunter, den Flur entlang, und schaltete im Keller das Licht an.
Die Kiste stand neben der Waschmaschine, mit einem dicken Klebeband verschlossen. Sie riss es auf. Erinnerungen fielen ihr entgegen, ein Geruch von altem Papier und Leder. Sie wühlte sich durch.
Rechnungen, Geburtsurkunden, Versicherungspolicen – und dann, am Boden, einen Umschlag, den sie nie zuvor gesehen hatte. Der Absender war ein Notar aus der Nachbarstadt. Nina setzte sich auf einen umgedrehten Eimer und zog den Brief heraus. Das Datum war vierzehn Tage vor dem Brand.
Ihr Vater hatte eine Vollmacht unterschrieben, die Uwe als bevollmächtigten Vertreter für alle Versicherungs- und Vermögensfragen einsetzte. Und dann: eine handschriftliche Notiz am Rand, offenbar die Stimme ihres Vaters. „Uwe drängt. Ich mag es nicht.
Aber er sagt, es sei für unseren Schutz. “
Nina hielt das Papier in der Hand. Der Boden unter ihr schien zu kippen. Ihr Vater hatte geschrieben, er möge es nicht, dass Uwe drängte.
Und Uwe hatte nie ein Wort davon verloren, hatte so getan, als hätte er mit allem nichts zu tun, außer geholfen zu haben, die Unterlagen zu sortieren. Draußen knarzte etwas. Ein Schritt auf der Kellertreppe. Ninas Herz setzte aus.
Sie drehte sich um, die Notiz in der Hand. Im Türrahmen stand Uwe. Er hatte sein Bettzeug ein wenig zerwühlt, das Haar stand nach einer Seite. Er sah sie an, dann die Kiste, dann den Brief.
„Was machst du da, Nina? “, fragte er ruhig, aber seine Stimme klang flach. „Mitten in der Nacht? “
„Ich suche Vergangenheit“, sagte sie und ihre Kehle war trocken.
„Und ich glaube, ich habe etwas gefunden, das du mir besser hättest erklären sollen. “