Als ich von Rewe nach Hause kam, stand meine Schwiegertochter auf einer Leiter vor meiner Schlafzimmertür. Sie hielt ein bunt bemaltes Holzschild mit der Aufschrift Kinderzimmer in der Hand. Das alte Messingschild mit der Aufschrift Mama, das mein Mann vor zwanzig Jahren angebracht hatte, lag bereits auf dem Boden. Mein Sohn Jan stand daneben, den Akkuschrauber in der Hand, und starrte auf den Teppich.

Keiner von beiden sah mich an, obwohl ich mit der Einkaufstüte direkt neben ihnen stand. Sabine sagte: »Nimm die Schrauben nicht zu fest, sonst splittert das Holz. «
Sie hatten beschlossen, dass mein Schlafzimmer ab heute das Kinderzimmer meines Enkels Leo sein würde. Meine neue Heimat sollte die kleine dunkle Kammer unter dem Dach sein, in der es im Sommer unerträglich heiß wurde.
Ich weinte nicht. Ich hob das alte Schild lautlos vom Boden auf, steckte es in meine Manteltasche und ging die Treppe hinauf. Im Treppenhaus hörte ich den Akkuschrauber und Sabines kurzes Lachen. Es war das letzte Mal, dass sie über meinen Kopf hinweg entschieden.
Seit dem Tod meines Mannes hatte ich Jan und Sabine mietfrei in meinem Haus wohnen lassen. Ich hatte gekocht, geputzt, den Enkel betreut. Zum Dank war ich für sie nur noch eine kostenlose Haushälterin, die man in die Ecke schiebt. Am nächsten Morgen saß ich früh am Küchentisch, bevor sie aufstanden.
Vor mir lag der schwarze Ordner mit den Bankunterlagen. Die Zahlen waren eindeutig: Nebenkosten, Heizkosten, der wöchentliche Einkauf – alles lief über mein Konto. Jan und Sabine zahlten keinen Cent Miete. Dazu kamen Einzugsermächtigungen für Sabines Tankkarte und Jans Fitnessstudio.
Der Blick in meinen Kalender machte es noch deutlicher. An vier Tagen die Woche holte ich Leo von der Kita ab, kochte für alle und wusch die Wäsche. Sabine hatte ihre Arbeitszeit erhöht, Jan saß nach Feierabend auf dem Sofa. Ich spürte keine Wut mehr, nur eine kalte Klarheit.
Dieses Haus gehörte mir. Am Vormittag saß ich bei der Sparkasse und ließ die Daueraufträge für den gemeinsamen Haushalt stornieren. Auch die Einzugsermächtigungen wurden gelöscht. Ab dem ersten würde kein Cent mehr automatisch von meinem Konto abgehen.
Um vierzehn Uhr klingelte das Handy. Sabine klang gehetzt: »Kannst du Leo von der Kita abholen und das Abendessen machen? Ich muss länger im Büro bleiben, Jan schafft es auch nicht. «
»Nein«, sagte ich ruhig.
»Ich habe einen Termin. «
»Wie bitte? Wer holt ihn dann ab? Wir haben fest mit dir gerechnet.
«
»Ihr seid die Eltern«, antwortete ich und legte auf. Ich ging ins Café am Markt und aß ein Stück Pflaumenkuchen. Am Nachmittag legte ich die Strom- und Gasrechnungen auf den Küchentisch, direkt neben Jans Kaffeemaschine. Als ich am Abend nach Hause kam, stand Sabine in der Küche, Jan saß am Tisch.
Die Rechnungen lagen noch da. »Was soll das? «, schrie Sabine. »Ich musste meinen Chef anlügen, nur weil du keine Lust hattest, dein eigenes Enkelkind abzuholen.
«
Jan sah mich vorwurfsvoll an: »Mama, mach es nicht so kompliziert. «
»Ich reagiere völlig normal«, sagte ich. »Ab nächsten Monat zahlt ihr die Hälfte aller Fixkosten. Die Einzugsermächtigungen habe ich heute bei der Sparkasse löschen lassen.
«
Sabine brachte kein Wort heraus. Jan stammelte: »Wir haben kein Geld dafür eingeplant. «
»Dann solltet ihr anfangen, welches einzuplanen. «
Es folgten Tage des Schweigens.
Sie wollten mich damit strafen, aber mich störte das nicht. Am Samstag kam ich vom Einkaufen zurück und wollte ins Erdgeschoss. Die Tür zu meinem alten Schlafzimmer schwang auf. Der Raum war kaum wiederzuerkennen.
Meine Möbel waren ausgeräumt, an den Wänden klebte hellblaue Tapete mit Bärchen. In der Mitte standen drei Umzugskartons, jeder mit meinem Namen beschriftet. Sabine hing am Fenster Vorhänge auf. »Wir dachten, du freust dich, wenn wir dir die Arbeit abnehmen.
Der Platz gehört jetzt Leo. Und übrigens brauchen wir deinen Autoschlüssel – Jan muss den Kindersitz einbauen. «
Ich sagte leise: »Der Autoschlüssel bleibt bei mir. Und diese Kartons bleiben genau hier stehen.
Fasst meine Sachen nie wieder an. « Dann ging ich. Am Montag rief ich Herrn Weber an, den Immobilienmakler. Zwei Stunden später saß ich in seinem Büro und unterschrieb den Verkaufsauftrag.
»Die Lage ist hervorragend, Frau Schmidt«, sagte er. »Wir werden schnell einen Käufer finden. «
Danach besichtigte ich eine barrierefreie Zweizimmerwohnung am Stadtpark. Großer Balkon, Fußbodenheizung, Bushaltestelle vor der Tür.
Ich unterschrieb den Mietvertrag noch am selben Tag. Zu Hause strich ich im Kalender alle Termine für die Enkelbetreuung durch. Stattdessen schrieb ich mit rotem Stift: Umzug, Möbelhaus, Übergabe. Sabine sah es und schnaubte: »Was soll das Theater?
« Ich antwortete nicht. Am Donnerstagabend kam ich von einem Treffen mit meiner Freundin Helga zurück. Ein fremdes Auto stand in der Einfahrt. Sabine hatte ihre Eltern und zwei befreundete Paare eingeladen.
Auf dem Tisch stand das Meißner Porzellan aus meiner Silberhochzeit. Sabine servierte den Braten. Als sie mich sah, rief sie über den Tisch: »Ach, da ist ja unsere Oma Mensch. Du hättest ruhig früher kommen können, um beim Abwasch zu helfen.
Aber nimm dir ein paar Reste mit nach oben in dein Reich. « Ihre Mutter kicherte. Jan trank sein Bier und tat, als hätte er nichts gehört. Ich blieb an der Tür stehen.
»Genießt das Essen und das Porzellan«, sagte ich laut. »Es ist das letzte Mal, dass ihr in diesem Raum sitzt. «
Sabine verdrehte die Augen: »Mach keine Szene, Mama. Geh einfach hoch.
« Ich ging in den Flur und schloss die Haustür von innen ab. Am Freitagvormittag klingelte es. Sabine hatte Urlaub und saß im Wohnzimmer. Ich öffnete: Herr Weber stand vor der Tür, in Begleitung eines jungen Paares.
»Guten Tag, Frau Schmidt. Wir sind pünktlich zum Besichtigungstermin. «
Sabine kam in den Flur. »Was wollen die Leute hier?
«
»Das sind die Kaufinteressenten«, sagte ich. »Das Haus steht zum Verkauf. «
Sabine wurde blass. »Das ist ein schlechter Scherz.
Jan, komm sofort her! « – vergessend, dass er bei der Arbeit war. Herr Weber zog den unterzeichneten Vertrag aus seiner Mappe. »Das Haus gehört Frau Schmidt allein.
Das Grundbuch ist eindeutig, der Vertrag ist rechtsgültig. «
Ich sah Sabine an. »Ich habe eine Wohnung am Stadtpark gemietet. Das Umzugsunternehmen kommt in zwei Wochen.
Ihr habt vier Wochen, um euch etwas zu suchen. «
Sie stammelte. Herr Weber begann bereits mit der Besichtigung. Aus dem geplanten Kinderzimmer wurde an diesem Tag das erste Verkaufsobjekt.
Am Abend standen Jan und Sabine vor meiner Tür. Jan klopfte heftig. Seine Augen waren gerötet. »Mama, das kannst du nicht tun!
Wo sollen wir so schnell hin? Wir haben kein Erspartes, keine Wohnung, nichts. «
Sabine hatte ihren stolzen Blick verloren. »Das mit dem Türschild war ein Missverständnis.
Wir wollten dich nicht verletzen. «
»Es war kein Missverständnis«, sagte ich. »Ihr habt mich behandelt wie ein Möbelstück, das man wegschiebt, wenn man es nicht mehr braucht. Aber dieses Möbelstück bezahlt euer Leben nicht mehr.
«
»Bitte, gib uns wenigstens ein halbes Jahr«, flehte Jan. »Nein. Ihr seid erwachsen, ihr habt Jobs. Der Notartermin ist angesetzt, die Kündigung liegt morgen in eurem Briefkasten.
«
Ich schloss die Tür. Drei Wochen später saß ich auf dem Balkon meiner neuen Wohnung im dritten Stock. Die Sonne schien warm, der Blick ging über den Stadtpark. In der Wohnung war alles aufgeräumt, keine Kartons, keine alten Lasten.
Auf dem kleinen Tisch standen Kaffee und Gebäck. Mein Handy vibrierte. Jan schrieb, sie hätten endlich eine kleine Dreizimmerwohnung am Stadtrand gefunden. Die Miete war hoch, Sabine machte jetzt Überstunden.
Ob ich am Sonntag Zeit hätte, Leo zu sehen. »Sabine kocht dein Lieblingsessen. «
Ich lächelte und tippte: »Ich komme gern am Sonntag um fünfzehn Uhr vorbei, um Leo zu sehen. Aber wir gehen zusammen im Park spazieren.
In eure Wohnung komme ich vorerst nicht. «
Ich legte das Handy weg und atmete tief die frische Luft ein. Das alte Messingschild mit der Aufschrift Mama habe ich an meine neue Wohnungstür geschraubt.
Es passt perfekt.