Um kurz nach Mitternacht am 10. Mai 2002 wurde Lynda Lyon Block im Todestrakt von Alabama hingerichtet. Die 54-Jährige starb auf dem elektrischen Stuhl “Yellow Mama”.
Es war die erste Hinrichtung einer Frau im Bundesstaat seit 45 Jahren. Und es war die letzte Elektrokution in den USA, bei der der Verurteilte keine Alternative zur Todesart hatte.
Block war wegen Mordes an einem Polizisten verurteilt worden. Sergeant Roger Lamar Modley, 38, wurde am 4. Oktober 1993 auf einem Walmart-Parkplatz in Opelika erschossen.
Er war ohne schusssichere Weste im Einsatz, weil er seine Weste einem jüngeren Kollegen geliehen hatte.
Die Tat war kein Zufall. Block und ihr Partner George Sipley lebten nach einer radikalen, regierungsfeindlichen Ideologie. Sie betrachteten sich als souveräne Bürger, erkannten keine staatliche Autorität an und hatten alle offiziellen Dokumente vernichtet.
Der Stopp an dem Parkplatz war ein Zwischenstopp auf der Flucht vor dem Gesetz.
Modley war von einer Zeugin auf einen roten Ford Mustang aufmerksam gemacht worden. Darin saß Blocks neunjähriger Sohn. Der Beamte wollte nach dem Kind sehen.
Als er Sipley nach dem Führerschein fragte, begann dieser eine Rede über seine Ablehnung staatlicher Autorität. Modley legte die Hand an seine Waffe.
Sipley griff ins Auto und eröffnete das Feuer. Modley suchte Deckung hinter seinem Streifenwagen. Dann hörte Block die Schüsse, als sie am Münztelefon stand.
Sie rannte zum Tatort, zog eine Waffe aus ihrer Handtasche und feuerte von hinten auf den Beamten. Eine Kugel traf seine ungeschützte Brust.
Modley starb kurz darauf im Krankenhaus. Er hinterließ seine Frau Juanita und vier Kinder. Block und Sipley flohen, wurden aber schnell gefasst.
Vor Gericht weigerten sie sich zu kooperieren. Sie argumentierten, der Staat Alabama habe nach dem Bürgerkrieg nie rechtmäßig wieder der Union beitreten dürfen.
Die Beweise waren erdrückend. Mehrere Zeugen bestätigten, dass Block gezielt auf den hinter seinem Wagen kauernden Beamten geschossen hatte. Beide wurden wegen Kapitalmordes verurteilt und zum Tode verurteilt.
Block kam am 21. Dezember 1994 in den Todestrakt des Julia Tutwiler Prison for Women.
Sieben Jahre verbrachte sie dort. Sie legte keine Berufungen ein, da sie die Gerichte für korrupt hielt. Sie gab Interviews und blieb bis zuletzt von ihrer Ideologie überzeugt.
Am 9. Mai 2002 begann ihr letzter Tag. Sie weigerte sich, ein letztes Essen zu bestellen oder eine schriftliche Erklärung zu verfassen.
Stattdessen verbrachte sie Stunden mit drei engen Freunden in ihrer Zelle. Auch ihre spirituelle Beraterin Sally war bei ihr. Kurz vor Mitternacht wurde Block in die Hinrichtungskammer der Holman Correctional Facility geführt.
Ihr Kopf war rasiert worden, um die Elektroden anzubringen.
Auf dem Stuhl gefesselt, wurde sie nach ihren letzten Worten gefragt. Ihre Antwort war ein einziges Wort: “Nein.” Dann wurde der Strom eingeschaltet.
2050 Volt flossen 20 Sekunden lang durch ihren Körper, dann 250 Volt für 100 Sekunden. Zeugen berichteten von Dampf, der vom nassen Schwamm unter der Elektrode aufstieg. Ihr Körper spannte sich an.
Um 00:10 Uhr wurde sie für tot erklärt. Drei Jahre später, am 4. August 2005, wurde auch George Sipley hingerichtet, per Giftspritze.
In einer handschriftlichen Petition vor seinem Tod behauptete er, nicht Block, sondern er selbst habe den tödlichen Schuss abgegeben. Rechtlich war das irrelevant. Beide waren wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt.
Sipley aß zwei Tage vor seiner Hinrichtung nichts. Anders als Block sprach er vor seinem Tod: “Jeder, der mir das antut, ist eines Mordes schuldig”, sagte er. Auf der Bahre gefesselt fügte er hinzu: “Ich möchte meine Liebe und Dankbarkeit an meinen Herrn und Retter Jesus Christus ausdrücken.”
Hinter der Glasscheibe saß die Familie von Officer Modley. Seine Witwe Juanita, sein Sohn, zwei Stiefsöhne und seine Mutter waren Zeugen. “Ich bin bereit, dieses Kapitel meines Lebens zu schließen”, sagte Juanita.
“Ich glaube, dass Gerechtigkeit geübt wurde.”
Rogers Mutter Ann sagte: “Ich danke Gott, dass ich einen Sohn wie meinen hatte und nicht wie George Sipley.” Die Hinrichtungen markierten das Ende einer zwölfjährigen Tortur. Block war die letzte Person in den USA, die durch den elektrischen Stuhl hingerichtet wurde, ohne die Wahl einer Alternativmethode.
Alabama hatte 2002 ein Gesetz verabschiedet, das die Wahl zwischen Giftspritze und Elektrostuhl erlaubte. Es trat jedoch erst am 1. Juli in Kraft, wenige Wochen nach Blocks Hinrichtung im Mai.
Selbst wenn sie die Wahl gehabt hätte, hätte sie sie vielleicht nicht genutzt. Block war ihr Leben lang gegen Autorität und Konformität.
Die Tat auf dem Parkplatz war der Höhepunkt einer Radikalisierung, die Jahre zuvor begonnen hatte. Block war 1983 eine kurze Ehe mit einem 80-jährigen Militärveteranen eingegangen, aus der ihr Sohn stammte. Nach der Scheidung traf sie Sipley.
Gemeinsam brachen sie 1992 in die Wohnung ihres Ex-Mannes ein, fesselten und knebelten ihn.
Block stach ihn in die Brust. Er überlebte. Beide wurden verhaftet, flüchteten jedoch vor der Strafzumessung.
Sie verbarrikadierten sich in Sipleys Haus, umgeben von Waffen. Sie faxten Erklärungen an Medien, drohten, lieber zu sterben als “Sklaven zu leben”. Die Polizei stürmte das Haus nicht.
In der Nacht flohen sie.
Mit Blocks Sohn im Auto fuhren sie nach Norden, versteckten sich bei Freunden in Georgia, dann in Mobile, Alabama. Am 4. Oktober 1993 stoppten sie in Opelika, um einen Anruf zu tätigen.
Dieser kurze Stopp kostete drei Menschen das Leben: Officer Modley, und später Block und Sipley selbst.
Blocks Kind wurde nach der Festnahme in Polizeigewahrsam genommen. Der Fall wurde zu einem Symbol für die Gefahr radikaler, regierungsfeindlicher Ideologien. Die Justiz in Alabama zeigte keine Milde.
Die Beweise waren klar, die Verurteilung einstimmig.
Der Todestrakt von Alabama ist für seine Härte bekannt. “Yellow Mama”, der elektrische Stuhl, war bei 177 Hinrichtungen zuvor eingesetzt worden. Viele Staaten hatten die Methode bereits als grausam und veraltet abgeschafft.
Für Block gab es keine Wahl. Sie starb in einem Relikt aus einer anderen Ära.
Ihr Tod wurde von Menschenrechtsorganisationen kritisiert. Doch für die Familie des getöteten Beamten war es Gerechtigkeit. “Er starb, als er einem Kind helfen wollte”, sagte seine Witwe.
“Das darf nie vergessen werden.”
Block selbst blieb bis zum Ende unbeugsam. Sie zeigte keine Emotion, keine Reue. In einem Interview vor ihrer Hinrichtung sagte sie: “Ich werde nicht kampflos aufgeben.”
Diese Haltung behielt sie bis zum letzten Stromstoß bei.
Der Fall Lynda Lyon Block bleibt ein düsteres Kapitel in der amerikanischen Justizgeschichte. Er wirft Fragen auf nach der Verhältnismäßigkeit von Strafen, der Mentalität von Todestraktinsassen und der Rolle von Ideologien bei Gewalttaten. Für Alabama war es ein Präzedenzfall.
Für die Justiz ein Abschluss. Für die Familie Modley ein Ende des Leidens.
Die Hinrichtungen von Block und Sipley waren die Vollstreckung eines Urteils, das zwölf Jahre zuvor gefällt worden war. Der Rechtsstaat hatte gesiegt. Doch der Preis war hoch: drei Tote, vier Halbwaisen, eine zerstörte Familie.
Die genauen Umstände des Mordes wurden nie abschließend geklärt. Sipley behauptete, er habe den tödlichen Schuss abgegeben. Die Jury sah beide als gleich verantwortlich.
Die gemeinsame Tat, die gemeinsame Ideologie, das gemeinsame Ende.
In den USA wird die Todesstrafe zunehmend kontrovers diskutiert. Alabama gehört zu den Staaten mit der höchsten Hinrichtungsrate. Der Fall Block wird in Rechtskreisen noch heute als Beispiel für die Unbeugsamkeit von Todestraktinsassen zitiert.
Die letzte Mahlzeit, die letzte Nacht, die letzten Worte. All das war bei Block nicht vorhanden. Sie ging in den Tod, wie sie gelebt hatte: auf ihre Weise, ohne Kompromisse, ohne Reue.
Das System hatte sie besiegt, aber nicht gebrochen.
Der Sohn, der auf dem Rücksitz des Mustangs saß, als sein Leben für immer zerstört wurde, ist heute erwachsen. Was aus ihm geworden ist, ist nicht bekannt. Die Öffentlichkeit hat ihn vergessen.
Aber die Erinnerung an den Sergeant auf dem Parkplatz bleibt.
Roger Lamar Modley diente seiner Gemeinschaft zwölf Jahre lang. Er starb im Dienst, beim Versuch, einem Kind zu helfen. Seine Witwe kämpfte jahrelang für Gerechtigkeit.
Mit der Hinrichtung von Sipley sah sie diesen Kampf beendet.
Die Hinrichtung von Lynda Lyon Block war die letzte ihrer Art in den USA. Seitdem haben alle Staaten, die den elektrischen Stuhl noch gesetzlich vorsehen, die Wahl zwischen dieser Methode und der Giftspritze eingeführt. Der Fall Block markierte das Ende einer Ära.
Die Frage bleibt: Wurde Gerechtigkeit erreicht? Die einen sagen ja, weil ein Mörder bestraft wurde. Die anderen sagen nein, weil die Todesstrafe selbst unmenschlich ist.
Die Familie Modley hat ihre Antwort gegeben: Ja, Gerechtigkeit geschah.
Für die Geschichte der amerikanischen Justiz bleibt Lynda Lyon Block eine Randnotiz. Aber eine, die bis heute nachhallt. Ihr Tod war der Beginn einer Debatte, die noch nicht beendet ist.